Es war einmal, zu einer Zeit, als Tutzing noch ein kleines Fischerdorf am Ufer des Starnberger Sees war, da lebte der junge Michael, Sohn des Hoffischers Gröber. Die Familie diente dem Grafen Vieregg, dem Herrn über Schloss und Land, doch die Zeiten waren hart: Jahr für Jahr verlangte der Graf höhere Pachtabgaben, und im Herzen des jungen Fischers wuchs der Groll.
Michael liebte insgeheim Veronika, die schöne Tochter des Fischers Bierbichler von der anderen Seeseite, in Ambach gelegen. Doch Veronika war stolz und zeigte sich unnahbar, und so wagte er nie, ihr sein Herz zu offenbaren.
Als der Konflikt zwischen dem Grafen und seinem Pächter eskalierte, geschah das Unglaubliche: Michael wurde in die napoleonischen Kriege geschickt – manche sagen, aus Strafe, andere raunen, der Graf habe ihn schlicht loswerden wollen. Bald darauf erreichte das Dorf die Nachricht: Michael sei in den endlosen Weiten Russlands verschollen, wohl erfroren im eisigen Winter.
Man trauerte. Der alte Gröber verlor seinen Sohn, und am anderen Ufer erfuhr auch Veronika von seinem Schicksal. Und da geschah, was oft geschieht, wenn wir jemanden verlieren, bevor wir ihm sagen konnten, was er uns bedeutet: Erst jetzt, da er fort war, erkannte sie, wie sehr sie ihn all die Jahre geliebt hatte.
Die Zeit verstrich. Man hatte Michael längst begraben – zumindest in den Herzen der Menschen. Doch eines Tages, viele Jahre später, näherte sich dem Guggerhof eine zerlumpte, hagere Gestalt. Niemand erkannte in dem hageren Wanderer den einst so kräftigen jungen Fischer wieder – niemand außer dem alten Hofhund, der sich winselnd und schwanzwedelnd an seine Beine warf, als hätte er nie einen Tag gezweifelt.
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer übers Wasser: Michael lebt! Noch am selben Tag erreichte die Kunde auch Veronika in Ambach. Sie zögerte keinen Moment – ließ sich in einem Ruderboot über den See bringen, denn eine Schifffahrt, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht.
Als die beiden sich am Ufer gegenüberstanden, brauchte es keine Worte mehr. Und auch der alte Graf, der von der wundersamen Heimkehr hörte, ließ seinen Zorn fahren. Er versöhnte sich mit seinem Pächter Gröber und verkündete: Zur Feier dieser Wiederkehr sollte eine Hochzeit ausgerichtet werden, wie sie das Fünfseenland noch nicht gesehen hatte.
So kamen sie zusammen: der Fischer und die Fischerstochter, der Graf und sein Pächter, das ganze Dorf und die Gäste von jenseits des Sees. Man feierte, tanzte und aß, bis tief in die Nacht – und seit jenem Tag, so erzählt man sich, ranken sich Legenden um diese Liebe, die den Krieg, das Vergessen und sogar den Tod überdauerte.
Bis heute lässt Tutzing alle fünf Jahre diese Geschichte wieder aufleben: mit Booten, Trachten, Musik und einem Brautpaar, das – wie einst Michael und Veronika – aus den echten Fischerfamilien der Region stammt.


