Kein Geld, keine Zeit, große Gefühle: Matthias Lehmanns Schwarzweiß-Komödie feierte am 8. September in Starnberg Weltpremiere. Ab 3. Dezember läuft sie im Kino.
Es gibt Filme, denen man ansieht, dass alles gestimmt hat: Budget, Drehzeit, Ausstattung. Und es gibt Filme, denen man ansieht, dass nichts davon da war – und die trotzdem funktionieren. *Nur für Verrückte* gehört zur zweiten Sorte, und das ist als Kompliment gemeint.
Gedreht wurde im Mai, in München, in sechzehn Tagen. Finanziert über Crowdfunding und mit Unterstützung der Gebrüder Klarwein. Regie, Drehbuch und Schnitt liegen bei einer Person: Matthias Lehmann. Beim Fünf Seen Filmfestival lief der Film zum allerersten Mal vor Publikum.
Worum geht es?
Georg hat seine Frau verloren und mit ihr den Lebensmut. Dass er sich ausgerechnet in seine Therapeutin verliebt, macht die Sache nicht besser. In einem Moment der Verzweiflung nimmt er den laufenden Föhn mit in die volle Badewanne – und genau da klingelt es an der Tür.
Draußen steht ein völlig Fremder und sagt freundlich: „Ich bin dein Bruder!“ Uwe macht es sich erst im Badewasser bequem und dann in Georgs Leben. Dass ihm selbst nur noch wenig Zeit bleibt, erwähnt er beiläufig. Von da an hat Georgs Dasein wieder ein Ziel: Uwes letzten Wunsch zu erfüllen. Was folgt, ist eine Kette absurder Begegnungen – und irgendwo dazwischen der richtige Moment für einen Heiratsantrag.
Wie der Film wirkt
Der Einstieg ist ruhig, emotional und ernst. Eine Kamerafahrt von der Totale ins Nahe, Musik, die Spannung aufbaut, ein Gespräch mit der Therapeutin. Der Patient beschreibt einen Vulkan – und dieser Vulkan ist alles andere als wild: gemauert, sauber, glatte Flächen. In dieser einen Beschreibung steckt schon der ganze Film.
Ich habe herzhaft gelacht. Über die Dialoge, über Situationen, die im Kleinen genauso auf jeder Straße passieren, über Menschen, deren Welten so weit auseinanderliegen, dass ihr Zusammentreffen nur schräg ausgehen kann. Warum kauft jemand gedankenverloren sechsunddreißig Duftbäumchen? Man erfährt es, und man ist danach nicht klüger, aber besser gelaunt.
Was mir zusätzlich aufgefallen ist: die Details am Rand. Das Bild an der Wohnzimmerwand etwa – eine große schwarze Fläche, links unten ein einsamer Stuhl. Solche Sachen stehen nicht zufällig im Raum.
Die Kameraführung trägt viel. Charakterstarke Blicke, dichte Details in der Handlung, und über allem das Schwarzweiß, das der tristen Ausgangslage eine eigene Schönheit gibt. Der Ausgang ist positiv – so gehört es sich für eine gute Geschichte. Mehr verrate ich nicht.

Valentin Holch produzierte Nur für Verrückte gemeinsam mit Thomas Gottschall. Finanziert wurde der Film über Crowdfunding.
Warum Schwarzweiß?
Aus zwei Gründen, und der erste ist der ehrlichere: Für Farbe hätte das Geld nicht gereicht. Der zweite kam beim Drehen dazu. Die Welt in Schwarzweiß zu erzählen, sagte Matthias Lehmann im Gespräch mit Moderator Thomas Lochte, habe den Blick für das Schöne geschärft. Man merkt es. Daniel Assmanns Kamera zitiert sichtbar Filmgeschichte, arbeitet mit düsteren Klängen und einer Bildsprache, die ihre Vorbilder kennt – von Jim Jarmusch bis, ja, *Star Wars*. Aus „Ich bin dein Vater“ wird hier „Ich bin dein Bruder“.
Woher kommt der Titel?
Von Hermann Hesse. Im *Steppenwolf* steht über dem Eingang zum Magischen Theater: „Nur für Verrückte.“ Lehmann sagte auf der Bühne, Humor sei für ihn die hohe Form, mit dem Wahnsinn des Daseins klarzukommen. Man habe es leichter, wenn man nicht alles bierernst nehme und manches mit absurdem Humor betrachte – gerade dann, wenn aus tragischen Momenten Heiterkeit entstehen soll. Eine Portion Verrücktheit helfe oft.
Das ist keine Ausrede für den Ton des Films. Das ist seine Bauanleitung.
Wie wird gespielt?
Hier liegt die eigentliche Überraschung. Ein Film mit sechzehn Drehtagen und Crowdfunding-Budget lebt oder stirbt mit seiner Besetzung — und diese trägt ihn.
Jochen Nickel spielt Georg über Augen und Gestik. Man sieht ihm die Überforderung an, lange bevor sie ausgesprochen wird. Es gibt eine Szene, in der ein Firmenvertreter eine Entscheidung von ihm will, eine simple Frage zum Einkauf von Baumwolle, und Nickel muss nichts sagen: In seinem Gesicht steht, dass diese Entscheidung nicht zu ihm gehört.
Eckhard Preuß spielt den Fremden mit einer Klarheit, die manchmal weh tut. Seine Fragen kommen ohne Taktgefühl, direkt und auf den Punkt. Dazwischen liegen Schweigephasen, in denen nicht zu erkennen ist, was in ihm vorgeht. Die Figur hält ihre eigene Wahrheit offen — sie antwortet entweder richtig oder gar nicht, und beides wirkt gleich absichtsvoll.
Es gibt eine beiläufige Szene an einem Bratwurststand vor dem Firmengebäude, in der die Frage fällt, was man täte, wenn man wüsste, dass man nicht mehr lange zu leben hat. Von dort nimmt die Ironie des Films ihren Lauf. Die Antwort lässt auf sich warten und fällt dann so nebenher aus, dass sie komisch wird. Später, in einem Taxi, geht es darum, was nach dem Tod kommt. „Ich glaub sogar an das Leben auf der Erde“, lautet die Antwort. In einem Satz steckt die ganze Haltung des Films.
Margret Völker ist die Therapeutin, die jede Äußerung ihres Klienten zuerst psychologisch behandelt und in Frage stellt. Ihre Rolle enthält eine schöne Ironie, die ich nicht verraten will — nur so viel: Die einfühlsamste Deutung nützt wenig, wenn jemand schlicht die Wahrheit sagt. Völker spielt das mit einer Ruhe, die den Gag erst entstehen lässt.
Alle Rollen sind charakterstark besetzt und gehen vollständig in ihren Figuren auf. Das Stück lebt von dieser Ausdrucksstärke.
Was offen bleibt
Nicht alles wird aufgelöst, und das ist bei einem Film über den alltäglichen Wahnsinn wohl Absicht. Ob die beiden tatsächlich Brüder sind, klärt sich nicht. Ein Kinderlied genügt als Beweis, und mehr will der Film dazu nicht sagen.
An zwei Stellen hätte ich mir trotzdem etwas mehr gewünscht. Wie aus Misstrauen so schnell Vertrauen wird, geht schneller, als ich es nachvollziehen konnte. Und der eigentliche Grund für Georgs Verzweiflung bleibt Andeutung — der plötzliche Tod seiner Frau liegt nahe, weitere aktuelle Hintergründe erfährt man nicht.
Ob man das als Lücke sieht oder als Angebot, ist Geschmackssache. Mir hätte an diesen beiden Punkten eine Handbreit mehr Information gefallen.

Sechzehn Drehtage, ein Bruchteil des üblichen Budgets, und am Ende ein Film, der ins Kino kommt. Der Augenblick unmittelbar nach dem Dank.
Für wen ist der Film?
Sicher scheiden sich hier die Geister: Diese Art von Humor ist für viele – mich eingeschlossen – ein Dauerbrenner, anderen ist er vielleicht eine Spur zu schräg. Wer absurde Situationskomik mag, wer Filme schätzt, die von schwierigen Lebenslagen erzählen und sie mit dem alltäglichen Wahnsinn verknüpfen, ohne bedrückend zu werden, findet hier womöglich seinen Lieblingsfilm. Wer es lieber geradlinig erzählt und opulent ausgestattet hat, dem wird das zu verrückt sein.
Für mich ist es eine gelungene Produktion und unbedingt sehenswert – nicht obwohl, sondern gerade weil sie mit kleinem Budget entstanden ist. Kreativität misst sich nicht an den Mitteln, sondern daran, was jemand aus dem Vorhandenen macht. Genau das zeigt dieser Film: ein Regisseur, eine Kamera und ein Team, die aus sechzehn Drehtagen und einem Bruchteil des üblichen Geldes etwas gebaut haben, das sich voll Stolz und mit Professionalität zeigen kann.
Dass der Verleih Alpenrepublik ihn ins Programm genommen hat, ist bei einem Film dieser Größenordnung schon eine Auszeichnung für sich.

Nach der Premiere bekamen alle auf der Bühne eine Sonnenblume. Ein stiller Moment am Ende eines lauten Abends.
Häufige Fragen zum Film
**Worum geht es in „Nur für Verrückte“?**
Georg hat seine Frau verloren und mit ihr den Lebensmut. In einem Moment der Verzweiflung klingelt ein völlig Fremder an seiner Tür und sagt: „Ich bin dein Bruder.“ Von da an bekommt Georgs Dasein wieder ein Ziel.
**Wann kommt der Film ins Kino?
Am 3. Dezember 2026. Der Verleih ist Alpenrepublik.
**Wer hat Regie geführt?
Matthias Lehmann. Er verantwortet Regie, Drehbuch und Schnitt. Die Kamera führte Daniel Assmann, produziert haben Thomas Gottschall und Valentin Holch.
Warum ist der Film in Schwarzweiß gedreht?
Aus zwei Gründen. Für Farbe hätte das Budget nicht gereicht. Und beim Drehen kam dazu, dass Schwarzweiß nach Aussage des Regisseurs den Blick für das Schöne schärft.
Woher stammt der Titel?
Von Hermann Hesse. In seinem Roman „Der Steppenwolf“ steht über dem Eingang zum Magischen Theater die Aufschrift „Nur für Verrückte“.
Wo fand die Weltpremiere statt?
Am 8. September 2026 im Breitwand Kino Starnberg, im Rahmen des 20. Fünf Seen Filmfestivals.
Die Fakten
- Nur für Verrückte
- Regie, Drehbuch und Schnitt: Matthias Lehmann
- Produktion: Thomas Gottschall, Valentin Holch
- Kamera: Daniel Assmann
- Musik: Dominik Wallner
- Darstellerinnen und Darsteller:
Jochen Nickel (Georg)
Eckhard Preuß (Uwe)
Margret Völker (Therapeutin)
Stefan Maaß (Angestellter Textilfabrik)
Laura Fregonese (Boutique-Dame)
Genoveva Mayer (Barkeeperin)
Steffen Wink (Tankstellenmann) - Länge: 79 Minuten
- Verleih: Alpenrepublik
- Weltpremiere: 8. September 2026, 20. Fünf Seen Filmfestival, Starnberg
- Kinostart: 3. Dezember 2026
Trailer und Filmseite beim Verleih
Wo läuft er beim Festival noch?
- Mittwoch, 9. September 2026, 17 Uhr
Kino Breitwand Gauting - Mittwoch, 9. September 2026, 20 Uhr
Pfarrstadl Wessling, Am Kreuzberg 3, 82234 Wessling
Text und Fotos: Birgit M. Widmann

