Einmal im Leben sollte man die Alpen zu Fuß überquert haben. Der E05 ist dafür der bekannteste Weg: von Oberstdorf im Allgäu über die Lechtaler und Ötztaler Alpen bis in die Weinberge von Meran. Ab 2021 habe ich hier Gruppen von acht Personen auf dieser Route geführt, im Auftrag des DAV Summit Club. In einer Woche gingen wir 5400 Höhenmeter im Aufstieg und 7300 im Abstieg. Eine davon blieb mir sehr in Erinnerung: Es hat geregnet, geschneit und gewittert und es war trotz alledem eine der besten Wochen, die ich mit einer Gruppe am Berg erleben durfte.
Wie beginnt eine Alpenüberquerung?
Bei uns begann alles mit nassen Füßen. Wir reisten abends in Oberstdorf an. Am Morgen brachte uns der Wanderbus zum Einstiegsparkplatz Spielmannsau, von dort ging es hinauf zur Kemptner Hütte auf 1840 Meter. Knappe 850 Höhenmeter bei strömendem Regen. Die oft schmalen Steige wurden vom Wasser unterspült, vom Berg rauschten fast schon Wasserfälle von der Seite auf uns zu. Pitschepatschenass kamen wir oben an — und waren stolz. Mit einem wärmenden Abendessen ging es an die Planung des nächsten Tages und dann ins Bettenlager. Fünf Stunden unterwegs, und die Gruppe war nach diesem ersten Tag bereits sehr eng zusammengeschweißt.
Wo überschreitet man die Grenze nach Österreich?
Am Mädelejoch, auf 1974 Metern. Der zweite Morgen begrüßte uns mit Sonne, das einzige Wehwehchen waren die noch nassen Schuhe vom Vortag. Über einen wunderschönen Steig hinauf zum Joch, dann durch das Höhenbachtal hinunter nach Holzgau im Lechtal.
Was ist die Seilhängebrücke über die Höhenbachschlucht?
Die höchste und längste Fußgängerhängebrücke Österreichs — und für einige in der Gruppe eine echte Überwindung. Man hätte sie umgehen können und das wünschten sich auch welche aus der Gruppe. Ich wollte diese Erfahrung keinem der Wanderer nehmen, und gemeinsam haben wir es dann alle geschafft. Belohnt wurde das mit Kaffee und Kuchen, die uns auch die Wartezeit auf den Bus ins Almajurtal versüßten. Dann stiegen wir zur Leutkircher Hütte auf 2251 Meter auf, die auf dem Lechtaler Hauptkamm liegt. An diesem Tag: knapp 200 Höhenmeter auf, 940 ab, dann noch einmal 916 hinauf. Knapp fünfzehn Kilometer haben wir zurückgelegt.
Wie viele Höhenmeter schafft man an einem Tag?
Der härteste Tag brachte uns 3000 Höhenmeter in knapp sieben Stunden — rund 1500 im Aufstieg und 1500 im Abstieg. Er begann mit der Glanderspitze auf 2513 Metern. Die Wolken der Regennacht hingen tatsächlich unter uns, und langsam öffneten sich Sichtfenster auf das unvergleichlich schöne Panorama im Tal. Über das Wannejöchl auf 2497 Metern ging es hinunter nach Winkl bei Wenns im Pitztal. Mit dem Taxi weiter nach Mittelberg, und von dort über einen wilden, felsigen Aufstieg mit Drahtsicherung hinauf zur Braunschweiger Hütte auf 2758 Meter. Davor lag ein Tag, der gsanz gegensätzlich war: Vom Panoramahotel an der Venetbahn-Gipfelstation am Krahberg auf 2208 Metern blickten wir durch große Panoramafenster in das weite Tal und konnten wie in einem Kino das Lichtspiel eines heftigen Berggewitters verfolgen – geschützt und wohlig warm im Restaurant. Das war ungewöhnlich viel Luxus auf dem Berg, und nach den nassen Tagen eine willkommene Wohltat, die wir uns auch reichlich verdient hatten.
Was war der schönste Moment?
Eine kleine Alm neben der Galflunalm, in der wir unsere Brotzeit einplanten. Der Hüttenwirt war allein, seine Frau kurz ins Tal gefahren. Damit wir und die anderen Gruppen rechtzeitig weiterkamen, habe ich mich hinter den Schank gestellt und kassiert. Ich glaube, fast hätte er mich als Bedienung eingestellt. Das Essen war originell und schmackhaft, die Stimmung besonders zünftig – aber wir mussten ja weiter. Das gehört wohl auch zu diesem Beruf: Man löst unterwegs Aufgaben, die nicht im Programm stehen, damit das Programm für die Gruppe funktioniert.
Kommt man an der Ötzi-Fundstelle vorbei?
Man käme vorbei, ja. Wenn das Wetter entsprechend wohlgesonnen ist, ist der Abstecher zur Fundstelle nahe dem Niederjoch obligatorisch. Bei uns schneite es im Sommer wie im tiefsten Winter. Vom Bergsteigerdorf Vent wanderten wir zur Martin-Busch-Hütte auf 2501 Meter, und die Wege füllten sich Zentimeter für Zentimeter mit einer geschlossenen Schneedecke. Wir verbrachten einen Hüttentag und stiegen am Tag darauf mit Schneefall zur Similaunhütte am Niederjoch auf 3.019 Meter. Auf den Abstecher zur Fundstelle haben wir wegen der winterlichen Verhältnisse verzichtet. Immerhin entdeckten wir den Wegweiser im Nebel. Den Ausblick auf den Similaun mit seinen 3606 Metern konnten wir nur erahnen . Dieser Berg beeindruckt mit seiner Mächtigkeit, wenn man ihn sieht. Manchmal hört man einen Bartgeier in den Lüften über dem Kopf. Sie kommen angeblich aus den Berchtesgadener Alpen geflogen. Das sagte zumindest der Hüttenwirt aus der Martin-Busch-Hütte. Wieder nass und ein wenig kaputt vom Aufstieg genossen wir ein gutes Mittagessen auf der Hütte und gingen dann gestärkt den Abstieg ins Tisental an. Schön ist, wie sich der erst steile und schmale Steg immer mehr ausweitet und wir auf ein sich immer mehr weitendes Tal zulaufen. Das war ein Tag mit 530 Höhenmeter auf, rund 1200 ab und knapp zehn Kilometer.
Wie endet der Weg?
Im Schnalstal in Südtirol wartete das Taxi, das uns nach Meran brachte. Im Hotel hieß es Abschied nehmen von den Bergtourenerlebnissen. Wir verpackten die Klamotten busgerecht und feierten unseren Erfolg bei einem grandiosen Abendessen. Am Morgen fuhren wir mit weiteren Gruppen über den Reschenpass zurück nach Oberstdorf. Viele der Wanderer kannten wir – man trifft sich unterwegs immer wieder und übernachtet gemeinsam in den Hütten. Natürlich gab es sehr viel zu erzählen und so manches Abenteuer der anderen fanden wir toll, aber waren auch froh, das es uns erspart geblieben ist.
Nach welchen Regeln führe ich eine Gruppe?
Meine Regeln am Berg sind einfach: Wir achten in jeder Situation aufeinander und entscheiden als Gruppe. Dabei bestimmt der Schwächste, je nach Situation, was die Gruppe macht. Das klingt unspektakulär und ist der Kern der Sache. Meine Gruppe war eine bunt gemischte Auswahl sehr lieber Bergsteigerinnen und Bergsteiger mit unterschiedlichen Ansprüchen an Kondition und Erlebnis. Und trotz der Verschiedenheit waren wir bereits nach ein paar Stunden harmonisch unterwegs. Jeder respektierte den anderen in seiner Einzigartigkeit. Das passiert nicht von selbst – dafür muss von Anfang an klar sein, wer warum das Tempo bestimmt und dass wir nur gemeinsam als Gruppe unser Ziel erreichen können. Besonders stolz bin ich auf eine Mitwanderin, die diese Tour mit 81 Jahren geschafft hat. Ihre leuchtend, glücklichen Augen in Meran werde ich nie vergessen.
Welche Ausrüstung braucht man wirklich?
Bei einer Alpenüberquerung sind die Bergschuhe der wichtigste Faktor für Sicherheit und Komfort. Sie müssen eingelaufen sein, ein gutes Profil haben und dürfen nicht zu lange ungetragen im Keller geschlummert haben. Auf meiner Tour musste eine Teilnehmerin unterwegs neue Schuhe kaufen, und bei einem Teilnehmer lösten sich die Sohlen — obwohl sie robust wirkten. Der Rucksack sollte auf deinen Körper abgestimmt sein und Tragekomfort bieten. Schultern und Rücken werden es dir danken. Und überleg gut, was du wirklich brauchst: Jedes Gramm wird von Tag zu Tag schwerer. Konditionell solltest du mittlere Belastung über mehrere Tage schaffen. Nicht nur einen Tag, sondern mehrere hintereinander und das bei jeder Wetterlage.
Wer führt solche Touren?
Ich führe sie selbst. Meine Qualifikationen:
- geprüfte Bergwanderführerin Sommer und Winter, Bergwanderführerverband Steiermark
- DAV-Kursleiterin Sommer und Winter
- Alpenüberquerungen für den DAV Summit Club
- Erlebnis- und Wildnispädagogin, CVJM
- Heilpraktikerin Psychotherapie
- Fotojournalistin
Wenn du eine Mehrtagestour oder eine Alpenüberquerung gehen möchtest — als Einzelperson, mit Freunden oder als Firmengruppe —, dann melde dich: 089 28 80 74 33 oder kontakt@fuenfseen.de. Ich stelle die Tour zusammen und führe sie. Der E05 ist außerdem beim DAV Summit Club buchbar.

Sommerliche Wege, winterliche Verhältnisse: Rast an einer alten Zirbe im Salzburger Land, September 2020. Nicht auf dem E5 aufgenommen, aber mit denselben Bedingungen, die uns bei Vent erwarteten. Foto: Danke an die Kursteilnehmerin
Häufige Fragen zur Alpenüberquerung
Wie lange dauert die Alpenüberquerung von Oberstdorf nach Meran?
Auf dem E05 eine Woche. Unsere Tour umfasste sieben Wandertage mit einem Hüttentag bei Schneefall.
Wie viele Höhenmeter hat der E05?
Bei unserer Tour 5400 Höhenmeter im Aufstieg und 7300 im Abstieg. Der härteste Tag brachte rund 3000 Höhenmeter in sieben Stunden.
Welche Gebirge durchquert man?
Die Allgäuer, die Lechtaler und die Ötztaler Alpen, bis hinüber nach Südtirol.
Braucht man Klettererfahrung?
Nein. Der Aufstieg zur Braunschweiger Hütte führt über einen felsigen Weg mit Drahtsicherung, das ist aber kein Klettersteig. Wichtiger als Technik sind Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Kondition für mehrere Tage.
Wo schläft man unterwegs?
Abwechselnd auf Hütten und in Hotels. Bei uns waren es Kemptner Hütte, Leutkircher Hütte, Hotel bei Pettneu, Panoramahotel am Krahberg, Braunschweiger Hütte, Hotel in Vent, Martin-Busch-Hütte und zum Abschluss ein Hotel in Meran.
Was passiert bei schlechtem Wetter?
Man geht. Regen gehört dazu, und der erste Tag hat uns genug davon gebracht. Bei Schneefall im Hochgebirge wird umdisponiert — wir haben einen Hüttentag eingelegt und auf den Abstecher zur Ötzi-Fundstelle verzichtet. Diese Entscheidungen trifft die Führung, und sie werden erklärt.
Kann man die Tour auch mit über 70 gehen?
Ja. Bei unserer Tour war eine Mitwanderin 81 Jahre alt und kam an. Entscheidend ist nicht das Alter, sondern Kondition über mehrere Tage, eingelaufene Schuhe und eine Gruppe, in der der Schwächste das Tempo bestimmt.

