Wallfahrtskirche St Rasso Grafrath

Fast unbemerkt steht sie am Rand des Ampermoos: eine Kirche über einem Grab, in der dreizehntausend Menschen ihre Heilung protokollieren ließen — und ohne die es Andechs als Wallfahrtsort vielleicht nie gegeben hätte.

Wallfahrtskirche St. Rasso in Grafrath im Abendlicht über dem Ampermoos · Beschriftung: Die Wallfahrtskirche St. Rasso in Grafrath im Abendlicht, gesehen über das Ampermoos. Über dem Grab des heiligen Rasso entstand von 1688 bis 1695 einer der drei großen Wallfahrtsorte Bayerns. © Birgit M. Widmann.

An der Straße von Grafrath Richtung Inning am Ammersee steht die Wallfahrtskirche St. Rasso. Wer vorbeifährt, hält sie für eine stattliche Dorfkirche. Wer anhält, steht an einem der drei großen Wallfahrtsorte Bayerns — bis ins 19. Jahrhundert nannte man sie in einem Atemzug mit Andechs und Altötting. Der Mittelpunkt des Baus ist kein Altar, sondern ein Grab.

Wer war Graf Rasso?

Ein bayerischer Adliger, der im Ammersee- und Ampergebiet ansässig war und auf der damals Wörth genannten Amperinsel ein Kloster samt Kirche gründete — genau dort, wo die heutige Kirche steht. Für seine Reliquiensammlung pilgerte er nach Rom und nach Jerusalem. Nach diesen Reisen trat er als Laienmönch in sein eigenes Kloster ein. Bei der Stiftung ließ er sich im Boden der Kirche ein Grab aus Steinplatten anlegen. Dort liegt er bis heute.

Wann genau er lebte, ist ungeklärt. Albert von Dießen datierte die Klostergründung um 1370 auf das Jahr 954. Historiker halten dieses Datum für zweifelhaft; die Andechser Überlieferung deutet auf eine frühere, karolingische Gründung, möglicherweise um 854. Hundert Jahre Unterschied — und keine Quelle, die den Streit entscheidet.

Warum pilgerten die Menschen zu seinem Grab?

Weil dort, wie es im Mittelalter hieß, „tag und nacht und ohne unterlass“ Wunder geschahen. Angerufen wurde Rasso vor allem bei dem, was man damals „heimliche und schambare Gebrechen“ nannte: Steinleiden, Brüche, Unterleibsschmerzen. Warum ausgerechnet dafür, verliert sich im Dunkeln. Aber es sagt etwas über die Menschen, die hierherkamen: Sie trugen etwas vor, worüber sie sonst nicht sprachen. Die Heilungen wurden aufgeschrieben. Von 1444 bis zur Säkularisation 1803 füllten sie sechs Mirakelbücher. Drei davon sind erhalten, und sie enthalten zusammen fast 13.000 Einträge. Dazu kommen Berichte im Klosterarchiv. Dreizehntausend Menschen, die den Weg auf sich nahmen und danach zu Protokoll gaben, dass es geholfen hat.

Was hat Grafrath mit Andechs zu tun?

Mehr, als man vermutet. Im 12. Jahrhundert verlegten die Grafen Berthold II. von Andechs und Otto III. von Wolfratshausen das von Rasso gegründete Kloster nach Dießen, wo daraus ein Chorherrenstift wurde. Warum, ist nicht überliefert. Papst Innozenz II. gliederte Grafrath 1132 dem Stift Dießen ein. Die gesammelten Reliquien wanderten nach Andechs. Damit hängt zusammen, was ein Chronist einmal so formulierte: Rasso sei ein Heiliger, der gleich zwei Wallfahrten begründet habe. Ohne seinen Reliquienschatz hätte Andechs den Rang, den es bis heute hat, so vielleicht nie erreicht.

Wie entstand der heutige Barockbau?

Die mittelalterliche Kirche wurde über Jahrhunderte umgebaut und 1593 nach Westen und Osten erweitert. Um 1680 war sie so baufällig, dass der Einsturz drohte. 1688 gab Propst Renatus Sonntag vom Stift Dießen den Neubau in Auftrag. Den Entwurf lieferte der Vorarlberger Baumeister Michael Thumb nach dem Vorarlberger Münsterschema. Thumb und sein Bauherr starben etwa zwei Jahre nach Baubeginn — vollendet wurde die Kirche von Propst Andreas Sedlmayr und dem Baumeister Michael Natter. Am 17. Juli 1695 wurde geweiht. Rassos Gebeine wurden aus der Erde gehoben und auf dem Hochaltar beigesetzt.

Wer gestaltete das Innere?

Die Ausstattung, die man heute sieht, entstand über sechzig Jahre später:

  • Johann Michael Fischer formte 1752/53 den Innenraum um und entfernte dafür die Gurtbögen
  • Johann Georg Bergmüller aus Augsburg malte die Deckenfresken — ein Chronogramm datiert sie auf 1753. Derselbe Meister schuf die Fresken in der Dießener Klosterkirche
  • Johann Michael Feichtmayr und Johann Georg Üblher führten den Stuck an Decke und Wänden aus
  • Johann Baptist Straub und Ignaz Günther, beide Münchner Hofbildhauer, bauten 1759 den Hochaltar

Für eine Kirche dieser Größe ist das eine ungewöhnliche Versammlung. Fischer, Bergmüller, Straub, Günther — das sind Namen, die sonst in Klosterkirchen und Residenzen stehen.

Woran erkennt man die Verbindung nach München?

Am Chorbogen, neben der Uhr: das Münchner Stadtwappen. Die Münchner kamen über Generationen hierher, als Wallfahrer und als Stifter. Das Wappen an dieser Stelle ist kein Schmuck, sondern eine Quittung.

Was findet man heute vor?

Die Kirche liegt am Bayerischen Jakobsweg. Früher reichte der Ammersee bis an ihre Ufer; heute, im Versandungsgebiet, steht sie an der Amper. In unmittelbarer Nähe ist die Einstiegsstelle für Boote zur Amperfahrt. Das Fest des heiligen Rasso wird am 19. Juni gefeiert — oder am darauffolgenden Sonntag. Nicht nur in Grafrath, auch in Untergammenried bei Bad Wörishofen und in Untermühlhausen.

Wo stößt man sonst noch auf Rasso?

An erstaunlich vielen Stellen. Im Münchner Dom gibt es vier Darstellungen, in Andechs sieben, in Dießen vier. Die kleine Rokokokirche in Untergammenried ist ihm geweiht. Dazu kommen Spuren in:

  • München — Mariä Schutz in Pasing, St. Maximilian, Albertinum
  • Dettenschwang und Wolfgrub bei Dießen, Utting, Landsberg am Lech
  • Untermühlhausen bei Penzing, Kaufering, Schmiechen, Epfach bei Schongau
  • Auf dem Auerberg, in Schweinegg bei Eisenberg und Bad Oberdorf bei Hindelang
  • Schwaig bei Oberding, Isen bei Erding, Hofolding, Vagen, Reichertshausen bei Egling
  • Partenkirchen, Egern, Emmering, Dachau, Riedenzhofen, Jarzt, Machtenstein
  • Landshut, Unterköllnbach, Altfraunhofen, Donauwörth, Bergen bei Neuburg, Ingolstadt

Häufige Fragen zur Wallfahrtskirche St. Rasso

Wo liegt die Wallfahrtskirche St. Rasso?
In Grafrath im Landkreis Fürstenfeldbruck, am Rand des Ampermoos an der Straße Richtung Inning am Ammersee. Die Kirche steht direkt an der Amper, wo auch die Einstiegsstelle für die Amperfahrt liegt.

Wer war der heilige Rasso?
Ein bayerischer Adliger, der auf der Amperinsel Wörth ein Kloster gründete und dort begraben liegt. Seine Lebenszeit ist umstritten: Die Überlieferung nennt das 10. Jahrhundert, andere Quellen deuten auf eine karolingische Gründung im 9. Jahrhundert.

Warum wurde Rasso als Heiliger verehrt?
Wegen der Wunderheilungen an seinem Grab. Angerufen wurde er vor allem bei Stein- und Bruchleiden sowie Unterleibsbeschwerden. Von 1444 bis 1803 wurden die Heilungen in sechs Mirakelbüchern festgehalten; die drei erhaltenen enthalten fast 13.000 Einträge.

Wann wurde die heutige Kirche gebaut?
Der Neubau begann 1688 unter Propst Renatus Sonntag nach einem Entwurf von Michael Thumb. Geweiht wurde die Kirche am 17. Juli 1695. Die Rokoko-Ausstattung entstand zwischen 1752 und 1759.

Wann ist der Rasso-Tag?
Am 19. Juni oder am darauffolgenden Sonntag. Gefeiert wird in Grafrath, in Untergammenried bei Bad Wörishofen und in Untermühlhausen.

Was hat St. Rasso mit Andechs zu tun?
Rassos Reliquiensammlung kam im 12. Jahrhundert nach Andechs, nachdem die Grafen von Andechs und Wolfratshausen das Kloster nach Dießen verlegt hatten. Ohne diesen Schatz hätte Andechs als Wallfahrtsort vermutlich nicht den Rang erreicht, den es bis heute hat.

🏢 Wallfahrtskirche St Rasso Grafrath

📮 PLZ: 82284

📍 Ort: Grafrath

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