Beim Presserundgang zwei Tage vor dem Anstich gab es drei neue Fahrgeschäfte, zwei neue Zelte und eine Nachricht, auf die die Schausteller 26 Jahre gewartet haben: Ihr Handwerk steht jetzt im Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes.

Zwei Tage vor dem Anstich ist die Wiesn eine Baustelle mit Musik — und für ein paar Minuten eine Bühne.
Zwei Tage vor dem Anstich ist das Wiesngelände auf der Theresienwiese in München eine Baustelle mit Musik. Handwerker schrauben, Lastwagen rangieren, und dazwischen zieht eine Traube aus rund einhundert Journalistinnen und Journalisten von Station zu Station. Musikalisch begleitet wurde der Presserundgang am 17. September von der Oktoberfestkapelle unter Wolfgang Höglbauer, die auf den Wegen zwischen den Zelten aufspielten.
Die Schaustellerkunst ist immaterielles Kulturerbe
Albert Ritter vom Deutschen Schaustellerbund war eigens angereist, um eine Nachricht zu überbringen, auf die seine Branche lange gewartet hat.
„Seit 1999 arbeiten wir daran, dass die Schaustellerkultur als immaterielles Kulturerbe in Deutschland anerkannt wird. Und tatsächlich ist es gelungen.“
Aufgenommen wurde die Schaustellerkunst in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes, das die Deutsche UNESCO-Kommission führt. Anerkannt ist damit das Handwerk — die Art, wie Schaustellerinnen und Schausteller Kirmes, Volksfest und Jahrmarkt gestalten und leben.
Ritter ordnete das historisch ein: „1200 Jahre lang gibt es bereits Kirmes und Volksfeste hier bei uns. Das Wort Kirmes kommt von der Kirchmesse, der Kirchweih, von der Kircheneinweihung. Und wenn man weiß, wie alt unsere Kirchen sind, dann weiß man auch, wie alt die Kirchweih ist.“
„Es erfüllt uns mit großem Stolz, dass unsere Arbeit nach 1200 Jahren von der Gesellschaft anerkannt wurde.“
An der Anerkennung mitgearbeitet hat Dr. Margit Ramus, Schaustellerin und promovierte Kunsthistorikerin, die sich seit fast zwanzig Jahren wissenschaftlich mit dem Kulturgut Volksfest beschäftigt.
„Diese Anerkennung bedeutet für uns Schausteller, dass unsere Traditionen, unsere Lebensweise — die ja eine besondere ist —, unser Wissen und Können, das wir von Generation zu Generation an die Kinder weitergeben, dass das anerkannt ist. Wir sind ganz besonders stolz, dass wir es geschafft haben.“

Die Nachricht, auf die die Branche seit 1999 gewartet hat: Die Schaustellerkunst steht im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes.
Kulturerbe und Kleiderfrage
Ritter nutzte den Termin für eine Stellungnahme zu einer Debatte, die im Vorfeld der Wiesn für Schlagzeilen gesorgt hatte: An einem Fahrgeschäft waren Figuren aus zusätzlich bekleidet worden.
Auf entsprechende Presseanfragen sagte er:
„Der Deutsche Schaustellerbund, die Schaustellerinnen und Schausteller stehen für die Einhaltung der Strafgesetzordnung, wenn es etwas gibt, was mit Belästigung, Sexismus oder anderen Dingen zu tun hat. Da schreiten wir Schausteller traditionell ein und stehen den hoheitlichen Kräften Schulter an Schulter zur Seite, dem Jugendschutz, der Polizei, allen, die mithelfen, eine friedliche Wiesn zu gewährleisten.“
„Aber haben wir wirklich keine anderen Probleme, als Pappmaché-Figuren Radlerhosen anzuziehen? Wir haben die Venus von Milo, die steht an erster Stelle im Museum, die ist auch nackt. Und wir haben die Sixtinische Kapelle, da hat Michelangelo oben auch mit Textilien gegeizt. Da sagt auch keiner, wir müssen die Sixtinische Kapelle abreißen.“
„Macht bitte keinen Unterschied zwischen Breitenkultur und Hochkultur.“
Kritik übte Ritter daran, dass sein Verband vorher nicht einbezogen worden sei: „Mit dem Deutschen Schaustellerbund hat man im Vorfeld nicht gesprochen. Wir hätten sicherlich auch da eine gute einvernehmliche Lösung herstellen können, ohne dass wir erst Presserummel machen.“ Man solle über solche Fragen mit den Betroffenen sprechen.

118 Jahre steht das Teufelsrad auf der Wiesn. Die Figuren über dem Eingang wurden neutral bekleidet.
Ähnlich äußerte sich ein Schausteller, dessen Familie seit 1933 mit einer Geisterbahn auf dem Oktoberfest steht, inzwischen in siebter Generation: „Wir sind jetzt Kulturerbe, und an alten Bildern malt man auch nicht herum. Genauso wollen wir nicht, dass an unseren Geschäften Sachen verändert werden. Die sind über Jahrhunderte gewachsen, und so etwas sollte man pflegen und nicht verändern.“

Die vier Musiker des Zelts hatten ihre Premiere vor mehreren hundert Journalistinnen und Journalisten.
Schützenlisl: drei neue Wirte und ein Geburtstag
Erste Station des Rundgangs war das Volkssängerzelt Schützenlisl auf der Oidn Wiesn — mit einer musikalischen Premiere der vier Musiker des Zelts.
Das Zelt wurde 2022 von Lorenz und Christine Stiftl wiederbelebt. Seit dieser Wiesn führen drei neue Wirte das Zelt: Michael Bietsch, zuvor Wirt der Historischen Kegelbahn, Florian Fendt und Manfred Kneifel. Sie übernehmen von Christine und Lorenz Stiftl, die in diesem Jahr ins Paulaner Festzelt gewechselt sind — dorthin, wo der Rundgang später endete.

Seit dieser Wiesn führen drei neue Wirte das Zelt: Michael Bietsch, Florian Fendt und Manfred Kneifel. Zwei von ihnen stehen hier neben der musikalischen Leiterin.
Übrigens: Die Schützenlisl hat es wirklich gegeben: Coletta Möritz, vor fast 140 Jahren erst Bedienung, später Wiesnwirtin und in München ein Begriff. Sie wurde am 19. September 1860 geboren — also genau am Tag des diesjährigen Wiesnstarts. Sie wäre in diesem Jahr 166 geworden.
Musikalische Leiterin Traudi Siferlinger beschrieb das Programm: Volkssängergruppen, Musik von zehn Uhr früh bis in die Nacht ohne Umbaupausen, Dialekte aus ganz Bayern. Dazu eine Gstanzlwerkstatt für Kinder, Seniorensingen und Jodelkurse.
„Wir nehmen die Leute mit, miteinander singen und gemeinsam einfach schöne Stunden erleben — weg von dieser verrückten Welt, einmal etwas Schönes für die Seele und fürs Herz.“
Über das neue Wirtetrio sagte sie: „Ich habe es ja jetzt ein paar Monate mitbekommen — die geben alles.“

Benannt nach Coletta Möritz, die am 19. September 1860 geboren wurde — auf den Tag genau am diesjährigen Wiesnstart.
Der Aufbau begann am 1. August. „Wenn man dann mal sieht, was das für ein Aufwand ist, diese Wagenladungen an Holz, an Handwerkern — das ist unglaublich.“
Riesenrad Willenborg: 90 Jahre

Die bemalte Front ist Handarbeit — genau die Schaustellerkunst, die seit diesem Jahr im Kulturerbe-Verzeichnis steht.
Shake & Roll: jede Fahrt ist anders

Zwischen zwei Objektiven hindurch fotografiert: Wiesnchef und Oberbürgermeister in der Gondel Shake & Roll.

„Sink or swim“ steht auf dem Schild in seiner Hand. Die Seifenblasen laufen den ganzen Tag, auch wenn noch niemand da ist.
Fisherman’s: brandneu und dreistöckig

Wer stehen bleibt, entdeckt Seesterne, Netze und Möwen. Die Fassade ist zum Suchen gemacht.

Am Aufgang hängt die Liste derer, die nicht mitfahren dürfen. Gelacht wurde trotzdem.
Chaos Pendel: 80 Stundenkilometer

Zwei Gondelreihen, gegenläufig. Wer oben ist, sieht die Wiesn für einen Moment verkehrt herum.

Das offene Thekenkonzept zur Straße hin ist neu und bewusst ohne Reservierung gedacht.
Bodos Cafézelt: Holz statt Aluminium

Holz statt Aluminium: Das Zelt wurde komplett neu gebaut, die Bar ist in die Galerie gewandert.

