20. Fünf Seen Filmfestival: Die Preise des Jubiläumsjahrgangs

von Birgit Widmann | 15, Sep., 2026 | kultur

Am Sonntagabend gingen elf Festivaltage in der Schlossberghalle Starnberg zu Ende. Der Hauptpreis ging nach Österreich, der Publikumspreis fiel erst in der dritten Kommastelle. Und am Ende stand der Festivalleiter selbst im Mittelpunkt.

Matthias Helwig begann den Abend nicht mit Filmen, sondern mit einer politischen Bemerkung. „Wir haben eine großartige Demokratie, und ich glaube, wenn wir mit Optimismus da rangehen und nicht in dieser großen Aufgeregtheit, dann werden wir auch diese Situation überwinden“, sagte der Festivalleiter. Kultur sei dafür unverzichtbar: Der Film bringe Menschen näher und lasse verstehen, wen man sonst schnell in eine andere Bubble abschiebe.

Elf Tage, mehr als hundert Filme, vier Spielorte. Und acht Wettbewerbe, von denen vier am Abschlussabend entschieden wurden.

Vorher der Sektempfang: Filmschaffende und Publikum miteinander, man redete, lachte, diskutierte und wartete ab, was wohl gleich kommen würde. Diese gesellschaftliche Mischung aus familiär und professionell kennt man aus Starnberg. Im Saal sorgten der Harfenist Kiko Pedrozo und der Gitarrist Guiller Romero für die musikalischen Untermalung zu Beginn und zwischen den Ansprachen — so gut, dass sie eine Zugabe spielen mussten.

Harfenist Kiko Pedrozo und Gitarrist Guiller Romero auf der Bühne der Schlossberghalle Starnberg vor blauem Vorhang

Zwischen den Ansprachen spielten der Harfenist Kiko Pedrozo und der Gitarrist Guiller Romero. Das Publikum verlangte eine Zugabe.

Auch die Preisvergaben selbst waren unterschiedlich inszeniert. Mal trug eine Person die Begründung vor, mal wanderte das Mikrofon durch die Reihe der Jury. Auf der Bühne wirkte das weniger nach Protokoll als nach einer großen Familie.

Perspektive Spielfilmpreis: „17″ von Kosara Mitic

Den mit 3.000 Euro dotierten Nachwuchspreis erhielt das Debüt „17″. Die Jury — Schauspielerin Antonia Bill, Florian Hör vom Nippon Connection Filmfestival sowie die Regieführenden Alisa Jung und Kilian Armando Friedrich — sichtete sechs Erst- und Zweitwerke, und wie Bill anmerkte, stammten sie ausnahmslos von Frauen.

Aus der Begründung: „Von der ersten Minute an hat uns dieses starke Debüt mit aller Wucht gepackt und nicht mehr losgelassen.“ Der Film öffne „knallhart und schonungslos den Diskurs über sexuelle Gewalt an Frauen und toxischen Gruppendynamiken“ und zeige, „wie Täterschutz, Scham und Schweigen miteinander verbunden sind“.

Die Jury verband die Auszeichnung mit einer ungewöhnlichen Bitte: Man wünsche sich, dass der Film mit Triggerwarnung versehen werde — und dass er den Raum für Debatten öffne, so wie er es in der Jurysitzung getan habe.

Kosara Mitic war bereits abgereist. Der Preis wird ihr zugeschickt; ihre Dankesbotschaft lief per Video.

Gestiftet wird der Preis von der Barose-Stiftung der Sammlerin Barbara Rosenthal, die in Starnberg selbst ans Mikrofon trat. Sie las ihre Worte vom Blatt ab, weil sie, wie sie sagte, von den Bildern der vergangenen Tage zu überwältigt sei, um frei zu sprechen.

Rupert Berghofer überreicht Jonas Spriestersbach die gläserne Trophäe des Dokumentarfilmpreises 2026 in der Schlossberghalle Starnberg

Den mit 4.000 Euro dotierten Dokumentarfilmpreis stiftet die Kreissparkasse München Starnberg Ebersberg. Links Jurorin Maja Reichert, rechts Festivalleiter Matthias Helwig.

Dokumentarfilmpreis: „Meanwhile in Namibia“ von Jonas Spriestersbach

Den mit 4.000 Euro dotierten Dokumentarfilmpreis der Kreissparkasse München Starnberg Ebersberg überreichte Rupert Berghofer. Maja Reichert, Co-Leiterin des DOK.fest München, verlas die Begründung stellvertretend für eine Jury, deren übrige Mitglieder bereits abgereist waren.

Sieben Dokumentarfilme standen zur Auswahl. „Wir bräuchten eigentlich drei Dokumentarfilmpreise“, sagte Reichert. „Es fiel uns wirklich schwer.“

Der ausgezeichnete Film führt nach Namibia, wo die deutsche Kolonialgeschichte keineswegs Vergangenheit ist. In sogenannten Living Museums, von deutscher Seite als Entwicklungshilfe gefördert, führen Namibierinnen und Namibier eine vorkoloniale Lebensweise vor, während die Folgen von Völkermord und Enteignung fortwirken und die Fragen nach Land und Reparationen offen bleiben.

Jonas Spriestersbach umarmt Jurorin Maja Reichert auf der Bühne in Starnberg, rechts Matthias Helwig mit einem Blumenstrauß

Sieben Dokumentarfilme standen zur Wahl. Man hätte eigentlich drei Preise gebraucht, sagte Maja Reichert vom DOK.fest München in ihrer Begründung.

Aus der Laudatio: „Seine Kamera muss nicht erklären und anklagen, sondern der Blick selbst wird zur Haltung.“ Regie, Kamera, Montage und Produktion liegen bei Spriestersbach in einer Hand — was dem Film, so die Jury, seine außergewöhnliche Geschlossenheit gebe. Er lege „eine schmerzhafte Leerstelle unserer deutschen Selbstwahrnehmung offen“.

Spriestersbach nahm den Preis sichtlich überwältigt entgegen — und verneigte sich vor dem Publikum. Ein unpathetischer, natürlicher Auftritt.

Sebastian Brameshuber spricht mit Trophäe und Mikrofon auf der Bühne der Schlossberghalle Starnberg, daneben Margarethe von Trotta und weitere Jurymitglieder

Der Hauptpreis des Festivals ging an LONDON. Die Jury lobte die selten zu sehende Ökonomie in der erzählerischen Struktur. Der Film kommt im Oktober ins Kino.

Fünf Seen Filmpreis: „London“ von Sebastian Brameshuber

Der Hauptpreis, mit 5.000 Euro dotiert und vom Landratsamt Starnberg gestiftet, ging an den österreichischen Regisseur Sebastian Brameshuber. Die Jury war prominent besetzt: Margarethe von Trotta, Bettina Brokemper, Monika Buttinger, Michael Kofler und Florian Weghorn von der Berlinale.

Von Trotta berichtete von sieben Filmen in zwei Tagen: „Man kann ja nicht mal so hingucken, wie man das bei Netflix am Abend macht, sondern man muss wirklich ganz aufmerksam sein.“ Die Begründung überließ sie einem Kollegen — „er ist unser Poet“.

Darin hieß es, der Film zeige, wie im Alltäglichen und scheinbar Flüchtigen das Einmalige seine Bahn brechen könne. Die Geschichte lenke immer tiefer ins Erkennen, „vom Tag in die Nacht, von der Nacht wieder in den Tag, in eine Vergangenheit, die eigentlich auch eine Gegenwart ist“. Gelobt wurde „diese selten zu sehende Ökonomie in der erzählerischen Struktur, diese Bildersprache ohne loses Beiwerk“.

Brameshuber erzählte bei der Annahme, er sei auf dem Weg zur Halle an einer Werkstatt vorbeigekommen und habe dort drei ziemlich kaputte, aber noch erkennbare Range Rover stehen sehen. Was sein Film mache, sei auf recht einfache Weise zu zeigen, dass die Gräben manchmal gar nicht so groß sind — und wie schön es sein kann, Fremden zu begegnen. Das müsse nicht unbedingt im Auto sein, das gehe auch auf einem Festival.

„London“ kommt im Oktober ins Kino.

Sophie Heldman reißt jubelnd beide Arme hoch auf der Bühne der Schlossberghalle Starnberg, daneben zwei applaudierende Personen

Der Publikumspreis fiel erst am letzten Abend, in der dritten Kommastelle. EINE SCHULE FÜR JANE CUMMING setzte sich gegen den Eröffnungsfilm LIEBLINGSMENSCHEN durch.

Publikumspreis: „Eine Schule für Jane Cumming“ von Sophie Heldman

Der vom Bayerischen Rundfunk gestiftete Publikumspreis wurde erst in letzter Minute entschieden. Lange hatte „Lieblingsmenschen – Die außergewöhnliche Freundschaft von Agnes und Amir“ geführt, der Eröffnungsfilm des Festivals. Dann kam am Vorabend ein weiterer Titel mit herausragenden Wertungen dazu.

„So ungerecht es für Lieblingsmenschen ist: In der dritten Kommastelle ist der Film besser“, sagte Helwig.

Überreicht wurde der Preis von Carlos Gerstenhauer vom Bayerischen Rundfunk, der eine der schönsten Passagen des Abends beisteuerte: „Ich fahre seit 30 Jahren auf Festivals, und ich kann sagen: Festivals machen uns zu besseren Menschen.“ Der Publikumspreis sei der schönste Preis, weil das Publikum das Wichtigste an einem Festival sei. Dort bekämen Filme „Flügel“.

Aus den Abstimmungskarten des Publikums wurde außerdem eine Jahresfreikarte für die Breitwand-Kinos gezogen. Gerstenhauer griff dafür in die silberne Schale  und Helwig sicherte den Namen der Gewinnerin in seiner Jackettasche— die Gewinnerin war an diesem Abend nicht im Saal.

Sophie Heldman sagte bei der Annahme: „Ich habe den Film für euch gemacht, und das ist das, was ich so schön finde — ihn jetzt in die Welt tragen zu dürfen.“ Sie habe schon lange zu diesem Festival kommen wollen; alle hätten ihr gesagt, es sei ein ganz tolles, und sie hätten recht gehabt.

Die Freude auf der Bühne war ansteckend: Das Team konnte sich kaum halten, und die Rührung ging durch den ganzen Saal. Bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen dieser Art hätte man den Preis eigentlich zweimal vergeben müssen.

Der Film kommt im Januar in die Kinos. „Lieblingsmenschen“ startet am 19. November — das Festival begann also mit dem Film, der am letzten Abend um Hundertstel unterlag.

Vier weitere Preise, während des Festivals vergeben

Insgesamt acht Wettbewerbe gab es beim Jubiläumsjahrgang. Der Kurzfilmpreis „Das goldene Glühwürmchen“, der älteste Preis des Festivals, wird traditionell auf der Dampferfahrt über den Starnberger See entschieden. Dazu kommen der Horizonte-Filmpreis, der DACHS-Drehbuchpreis und der Video-Art-Preis, die alle im Lauf der elf Tage vergeben wurden.

Der letzte Preis ging an niemanden — und an alle

Bevor die Jurys auf die Bühne kamen, hielt Helwig kurz inne. „Wenn ich einen Preis vergeben würde, fast den Hauptpreis, dann würde ich ihn an mein Team vergeben.“ Er zählte auf: Lydia Basel, die sich allein um rund achtzig Gäste kümmerte. Amrei, die die Kurzfilmreihe kuratiert. Die Fotografen Jörg Reuter und Pavel Gosch, die die elf Tage nicht nur in den Kinos verbringen, sondern die Nächte am Computer. Lara Schimpf und der Praktikant David Mindermann. Und Veronika Osterhart, die er „Herz und Seele des Festivals“ nannte. Dazu die Vorführer und Kassiererinnen, die zu dieser Stunde bereits feierten.

Am Ende drehte sich der Abend um ihn selbst. Landrat Stefan Frey trat noch einmal ans Mikrofon: „Sie sind der Motor dieses Festivals. Sie sind derjenige, der auch die ganzen Bezüge und die Persönlichkeiten kennt und der dieses Festival zu dem macht, was es heute ist.“ Er erinnerte an die Durststrecke der Corona-Jahre und dankte im Namen des Landkreises.

Für die Stadt Starnberg sprach die 3. Bürgermeisterin Christiane Falk über das, was Kinogehen hier bedeutet. Anderswo verstehe man darunter vielleicht Actionfilm mit Popcorn oder ein Date im Dunkeln. „Aber eben nicht bei uns.“ Bei uns stehe nach dem Film der Regisseur für Fragen zur Verfügung, oder eine Kostümbildnerin erkläre ihre Arbeit. Man fahre Dampfer und schaue sich mit Livemusik einen hundert Jahre alten Stummfilm an.

„Du bringst nicht nur einfach Filme“, sagte sie. „Du bringst uns dein ganzes Filmfest. Und das jetzt seit 20 Jahren.“

Das Publikum erhob sich. Der Applaus wollte nicht enden, und Helwig war sichtlich berührt.

Sein eigener Schlusssatz war kurz: „Macht einfach weitere große Filme, macht das, was ihr machen wollt.“

Was an diesem Abend zu spüren war: Dieses Festival wird von denen getragen, die im Hintergrund planen und organisieren. Das Lob an die Mannschaft kam aus tiefster Überzeugung.

Silhouetten applaudierender Gäste vor der beleuchteten Leinwand in der Schlossberghalle Starnberg

Zum Schluss erhob sich der Saal. Der Applaus wollte nicht enden.

Die Preise im Überblick

Fünf Seen Filmpreis (5.000 Euro, Landratsamt Starnberg)

LONDON von Sebastian Brameshuber

Jury: Margarethe von Trotta, Bettina Brokemper, Monika Buttinger, Michael Kofler, Florian Weghorn

Dokumentarfilmpreis (4.000 Euro, Kreissparkasse München Starnberg Ebersberg)

MEANWHILE IN NAMIBIA von Jonas Spriestersbach

Jury: Maja Reichert, Doris Metz und ein weiteres Mitglied

Perspektive Spielfilmpreis (3.000 Euro, Barose-Stiftung)

17 von Kosara Mitic

Jury: Antonia Bill, Florian Hör, Alisa Jung, Kilian Armando Friedrich

Publikumspreis** (Bayerischer Rundfunk)

EINE SCHULE FÜR JANE CUMMING von Sophie Heldman

20. Fünf Seen Filmfestival, 3. bis 13. September 2026 // Preisverleihung am 13. September, Schlossberghalle Starnberg

 

Häufig gestellte Fragen zur Preisverleihung 2026

Wer gewann den Fünf Seen Filmpreis 2026?
Der österreichische Regisseur Sebastian Brameshuber für LONDON. Der Hauptpreis ist mit 5.000 Euro dotiert und wird vom Landratsamt Starnberg gestiftet.

Welcher Dokumentarfilm wurde ausgezeichnet?
MEANWHILE IN NAMIBIA von Jonas Spriestersbach. Der Preis ist mit 4.000 Euro dotiert und wird von der Kreissparkasse München Starnberg Ebersberg gestiftet.

Wer erhielt den Perspektive Spielfilmpreis?
Kosara Mitic für ihr Debüt 17. Der Nachwuchspreis ist mit 3.000 Euro dotiert und wird von der Barose-Stiftung gestiftet.

Welcher Film gewann den Publikumspreis?
EINE SCHULE FÜR JANE CUMMING von Sophie Heldman. Die Entscheidung fiel erst in der dritten Kommastelle gegen den Eröffnungsfilm LIEBLINGSMENSCHEN.

Wie viele Wettbewerbe gab es beim Jubiläumsjahrgang?
Acht. Vier wurden am Abschlussabend entschieden, vier weitere während des Festivals – darunter der Kurzfilmpreis Das goldene Glühwürmchen, der traditionell auf der Dampferfahrt über den Starnberger See vergeben wird.

Wann kommen die ausgezeichneten Filme ins Kino?
LONDON startet im Oktober, EINE SCHULE FÜR JANE CUMMING im Januar. LIEBLINGSMENSCHEN kommt am 19. November in die Kinos.

Wie lange dauerte das Festival?
Elf Tage, vom 3. bis 13. September 2026, mit mehr als hundert Filmen an vier Spielorten.

Text und Fotos: Birgit M. Widmann

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