Eigentlich war ich an diesem Tag auf der Suche nach dem besten türkischen Honig auf dem Oktoberfest. Am Mandelstand von Trollmanns wurde ich fündig — den Honig haben sie allerdings erst seit einem Jahr im Sortiment.
Im Gespräch sagte mir der Standlbesitzer dann, sein Opa sei viel interessanter als die Waren, die sie anbieten. Eine liebevolle Persönlichkeit, und zu einem Gespräch bereit. So wanderte ich am Tag darauf mit dem Kasperl von der Auer Dult über die Wiesn. Dieser Spaziergang war mein Highlight des ganzen Oktoberfests, und ich werde ihn sicher nicht vergessen.
Wer ist der Kasperl von der Au?
So nennen ihn die Münchner, denn sein Kasperletheater auf der Auer Dult lässt viele Kinderaugen lachen. Ludwig Trollmann ist Urmünchner — und genau genommen seit achtzig Jahren auf dem Oktoberfest. Es ist seine Heimat, hier wurde er groß, und hier blieb er. Seine Familie übernahm die von Trollmanns aufgebauten Stände und führt sie als Familienbetrieb weiter: gebrannte Mandeln, Schokofrüchte und ein Schießstand auf dem Oktoberfest, dazu das Amusement „runter mit dem Zylinder“ auf der Oidn Wiesn.
Warum heißt er eigentlich nicht Gaukler?
Weil seine Mutter einen Trollmann heiratete. Ludwig Trollmann wuchs bei seinen Großeltern auf, und die trugen den Namen Gaukler. Gerne hätte er ihn weitergeführt, erzählt er mit einem Lachen in den Augen. In der Schule in Giesing nannten sie ihn trotzdem den Gaukler Lucki. Der Name war Berufung, und er ist es geblieben.
Wie fing die Familie auf dem Oktoberfest an?
Mit einem Handwagen. Seine Großeltern begannen damit — und hatten dann zwölf Jahre lang das Teufelsrad. Seine Eltern zogen mit einer Seilbahn und einem Springpferdekarussell auf das Oktoberfest und durch die Lande. „Solch eines, wie dieses Jahr auf der Oidn Wiesn steht.“ Sie haben viel gearbeitet, erzählte er, das ganze Jahr. Und viele der Attraktionen wurden selbst gebaut, umgestaltet und repariert.
Was baut ein Schausteller selbst?
Bei ihm war es der Stand „runter mit dem Zylinder“, und er konnte es, weil er Schlosser gelernt hat. Diese Ausbildung war ihm und seinen Kollegen über die Jahre sehr nützlich — er konnte sich selbst behelfen und anderen dazu. Damals gab es viele Wurfbuden, also suchte er nach einer neuen Attraktion, unter anderem um seinen Standplatz zu sichern. Der Stand steht heute auf der Oidn Wiesn und wird von seiner Schwester betreut.
Reicht das Oktoberfest zum Leben?
Nein, und das sagt er so: „Man muss ja das ganze Jahr Geld verdienen, die Wiesn alleine ist zuwenig.“ In früheren Jahren zog er durch ganz Europa und bis nach Amerika. Schausteller müssen immer schauen, was läuft und was nicht — „doch das weiß man nach einiger Zeit in diesem Beruf“. Einen acht Meter langen Schaustellerwohnwagen hat er noch heute. Auf der Auer Dult steht er mit seinem Kasperletheater und spielt für die Kinder selbst geschriebene Stücke. Puppenspieler aus Leidenschaft.
Was hat ein Bauernhof in Niederbayern mit der Wiesn zu tun?
Er ist das Winterquartier. Vor einigen Jahren kaufte Ludwig Trollmann vorausschauend einen Hof in Niederbayern — und weil die Standplätze zum Überwintern in München rar werden, war das eine weise Entscheidung. Er sicherte sich und seiner Familie damit eine günstige Möglichkeit, die Schaustellerutensilien zu lagern.
Und nebenbei Beamter der Stadt München?
Ja, auch das. Damals suchte die Stadt Mitarbeiter zum Schneeräumen, und so begann er seinen Job in der Nähe des Viktualienmarkts. Irgendwann fragten sie, ob er nicht Aufseher werden wolle. Anfangs war er unsicher, dann wuchs sein Aufgabengebiet auf sechs Bereiche. Über diese Anstellung ist er noch heute froh, denn sie sichert ihm den Lebensunterhalt im Alter. Ohne diese Rente, sagt er, könnte er nicht einfach so mit mir spazieren gehen.
Was bedeutet ihm das Fest heute?
Freundschaften. Jeden zweiten Tag besucht er die Schausteller, die noch auf dem Oktoberfest vertreten sind. Bis vor ein paar Jahren war er Vorstand des Schaustellervereins; im Jahr unseres Gesprächs war er zum ersten Mal zum Senioren-Schaustellerstammtisch in der Fischer-Vroni eingeladen. Seinen Ausführungen könnte ich stundenlang zuhören. Man erfährt sehr viel darüber, wie die Wiesn war und wie sie heute ist — und bekommt einen Einblick in das Herzblut, das Schausteller in ihr Gewerbe stecken. Ludwig Trollmann ist eine Wiesnpersönlichkeit. Ich danke ihm für das interessante und angenehme Gespräch.
Häufige Fragen
Wer ist der Kasperl von der Au?
Ludwig Trollmann, Schausteller aus München. Den Namen hat er von seinem Kasperletheater auf der Auer Dult, für das er die Stücke selbst schreibt.
Was betreibt die Familie Trollmann auf dem Oktoberfest?
Gebrannte Mandeln, Schokofrüchte und einen Schießstand, dazu das Amusement „runter mit dem Zylinder“ auf der Oidn Wiesn. Den Mandelstand führt inzwischen der Enkel.
Was ist das Teufelsrad?
Eine Attraktion auf dem Oktoberfest, auf der sich Besucher auf einer rotierenden Scheibe halten müssen. Die Großeltern von Ludwig Trollmann betrieben es zwölf Jahre lang.
Was ist die Oidn Wiesn?
Der historische Teil des Oktoberfests mit alten Fahrgeschäften und traditionellen Attraktionen. Dort steht auch der von Ludwig Trollmann selbst gebaute Stand.
Wo überwintern Schausteller ihre Fahrgeschäfte?
Das ist ein echtes Problem, weil Standplätze in München rar geworden sind. Ludwig Trollmann kaufte dafür einen Bauernhof in Niederbayern.
Text und Fotos: Birgit M. Widmann
