Der Mann, der das erste Blaulicht auf die Wiesn brachte: Wolf Clauss, Schausteller

von Birgit Widmann | 6, Okt., 2026 | fuenfseen-TALK, oktoberfest

Das Oktoberfest erzählt viele Geschichten. Manche sind neu, andere haben Tradition. Und es gibt Menschen, die das Fest zu dem gemacht haben, was es heute ist — einige von ihnen trifft man jedes Jahr beim Altschaustellerstammtisch im Marstall Festzelt.

Dort habe ich mich mit Wolf Clauss unterhalten. Was als Gespräch über alte Fahrgeschäfte begann, wurde die Geschichte eines Technikers, der die Beleuchtung auf deutschen Jahrmärkten verändert hat. Das Gespräch führte ich im Oktober 2023. Alle Altersangaben beziehen sich auf diesen Zeitpunkt.

Wie wird man mit 18 Jahren Schausteller?

Indem man es werden muss. Wolf Clauss‘ Vater starb zu früh an Kriegsleiden, und so übernahm der Sohn mit achtzehn das Fahrgeschäft. Er brach die Schule ohne Abitur ab und bekam eine Sondergenehmigung zum Führen von Fahrzeugen.

Was war „Die Spinne“?

Das Fahrgeschäft, mit dem alles anfing — und es hat eine eigene Geschichte. Sein Vater stellte es im Jahr 1939 fertig, musste wegen des Krieges aber viele Jahre warten, bis er damit auf den Jahrmarkt gehen konnte. Erst 1951 stand seine Entwicklung auf dem Oktoberfest.

Wie kam ein Schausteller zur Technik?

Nach ein paar Jahren im Geschäft legte Wolf Clauss nebenbei eine Lehre als Fernseh-, Radio- und Funktechniker ab. Die Technik begeisterte ihn in allen Facetten — er baute damals sogar einen eigenen Fernseher. In seiner Lehre war er viel in München unterwegs, und so gibt es auch dort einen Nachlass seiner Arbeit. Die legendäre Kneipe „Die Laterne“ der Schwabinger Gisela war einer seiner tontechnischen Aufträge. Eine krumme Laterne inspirierte ihn zu etwas Außergewöhnlichem — und so wurde sie zum Markenzeichen der Schwabinger Gisela.

Welche Fahrgeschäfte hat er betrieben?

Das letzte war der Playball, den er zusammen mit seiner Frau führte. Davor sammelte er Erfahrung und Wiesngeschichte mit der Spinne, dem Autoscooter, der Bayernkurve und der Seesturmbahn. Gemeinsam mit seinem Schwager betrieb er weitere Geschäfte, unter anderem das Ikarus. Jedes Fahrgeschäft hatte ein Motto, das auf den ersten Blick zu erkennen war.

Was hat er erfunden?

Die Beleuchtung, wie man sie heute vom Jahrmarkt kennt. Seine Ideen und ihre technische Umsetzung wurden oft zum Trend, dem andere Fahrgeschäfte folgten:

  • taghelle Scheinwerfer mit Farbwechsel, entwickelt für den Playball
  • das erste Blaulicht auf einem Fahrgeschäft
  • die ersten Lautsprecher mit Tieftönen, entwickelt mit einem bayerischen Unternehmen
  • die ersten Stroboskope auf dem Oktoberfest

Und ein Detail, das heute selbstverständlich klingt und damals keines war: Bei seinen technischen Entwicklungen achtete er schon vor mehr als fünfzig Jahren auf ökologische Gesichtspunkte und legte sie auf energiesparende Technologien an.

Was bedeutet Schaustellerei für eine Familie?

Die Schaustellerei ist ein besonderes Geschäft. Auch wenn man jedes Jahr an den gleichen Plätzen aufbaut, ist es jedes Mal anders — man muss sich flexibel auf neue Anforderungen vor Ort einstellen. Dazu Wolf Clauss selbst: „Wichtig war für mich dabei immer meine Familie. Meine Frau unterstützte mich tatkräftig in den kaufmännischen und organisatorischen Dingen. Mussten doch neben den Kindern auch bis zu acht Angestellte versorgt werden. Sie machte die kaufmännischen Abwicklungen, saß in der Kasse, kochte Essen für alle Angestellten und sorgte für einen reibungslosen Ablauf des Betriebes. Ohne eine starke Frau kann man als Schausteller nicht überleben.“ Dieser Satz ist der Kern des Gesprächs. Ein Fahrgeschäft auf der Wiesn ist kein Einzelunternehmen, sondern ein Haushalt mit Angestellten — und wer die Kasse führt und für alle kocht, hält den Betrieb am Laufen.

Lebt seine Geschichte auf der Wiesn weiter?

Ja. Wolf Clauss verkaufte den Playball, als er in Pension ging. Sein Sohn ist heute auf dem Oktoberfest mit dem Flip Fly vertreten, das die beiden gemeinsam gebaut haben. „Das ist in der heutigen Zeit ein innovatives Konzept, denn der Auf- und Abbau geht schneller, und für den Betrieb benötigt man weniger Angestellte.“

Warum erzählen wir diese Geschichte?

Weil der Zauber des Oktoberfests nicht vom Fest kommt, sondern von einer Generation, die ihre Ideen mit Herzblut in die Wirklichkeit gebracht hat. Das bedeutete viel Arbeit und wenig Freizeit. Und weil die Neugierde bleibt. Welchen technischen Bereich man bei Wolf Clauss auch ansprach, man konnte sicher sein, eine tiefbegründete Antwort zu bekommen. Ich hätte dieses Interview gerne tagelang weitergeführt.

Häufige Fragen

Was ist der Altschaustellerstammtisch?
Ein Treffen ehemaliger Schausteller, das während des Oktoberfests im Marstall Festzelt stattfindet. Dort sitzen die Menschen, die das Fest über Jahrzehnte geprägt haben.

Seit wann steht „Die Spinne“ auf dem Oktoberfest?
Seit 1951. Fertiggestellt wurde das Fahrgeschäft bereits 1939, der Krieg verhinderte den Einsatz über mehr als ein Jahrzehnt.

Wer brachte das erste Blaulicht auf ein Fahrgeschäft?
Wolf Clauss, auf seinem Fahrgeschäft Playball. Er entwickelte außerdem taghelle Scheinwerfer mit Farbwechsel, die ersten Tieftonlautsprecher für Fahrgeschäfte und die ersten Stroboskope auf dem Oktoberfest.

Ist die Familie Clauss weiter auf der Wiesn vertreten?
Nach dem Verkauf des Playball ging die Geschichte in der nächsten Generation weiter: Der Sohn baute gemeinsam mit seinem Vater das Fahrgeschäft Flip Fly und betreibt es auf dem Oktoberfest.

Das Interview führte Birgit M. Widmann Foto: Ingrid Grossmann

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