fuenfseen TALK – audio ergo sum – drei Menschen, zwei Vereine

von Birgit Widmann | 27, Okt., 2026 | kultur

Audio ergo sum — ich höre, also bin ich. Drei Menschen, zwei Vereine und ein Rokokosaal mit einer Akustik, die niemand geplant hat: Wie in Polling junge Musikerinnen und Musiker ihren ersten großen Auftritt bekommen.

Sie nennen sich selbst nicht so aber es ist eine Triade: Hanne Wittermann ist für alle Angelegenheiten den Saal betreffend verantwortlich. Sie vermietet den Saal an Veranstalter an Konzertagenturen, für Festivals und Volksmusikkonzerte. Helmut Fietzek und Ursula Hauer führen das PODIUM MUSICALE e. V., einer dieser Veranstalter, und holen junge Musiktalente auf die Bühne. Diese Symbiose bringt für die Musikerinnen und Musiker etwas, das es selten gibt: einen Saal von hohem akustischem und optischem Rang, der sonst Namen wie Anne-Sophie Mutter oder Jonas Kaufmann vorbehalten ist. Ohne den Saal gäbe es dieses Ambiente nicht, ohne die Musiker das Hörerlebnis nicht. Dass die drei zugleich in den Vorständen beider Vereine sitzen, macht die Abstimmung kurz – jeder kennt die Abläufe, die Engpässe und die Termine des anderen. Wir haben sie im Bibliotheksaal Polling getroffen und über Akustik, Absagen, Geld und darüber gesprochen, was es heißt, ein Haus aus dem 18. Jahrhundert am
Leben zu halten.

Wie wird aus einer ehemaligen Bibliothek ein Konzertsaal

Birgit M. Widmann: Frau Wittermann, wie kam es dazu, dass wir heute in diesem Raum sitzen können? Hanne Wittermann: Das ist eine lange Geschichte. In der Säkularisation 1803 wurden Kloster und Bibliothek aufgelöst, der Saal komplett ausgeräumt. 1814, elf Jahre später, erwarb die Großgrundbesitzerfamilie Streicher aus Polling das Gebäude. Den folgenden Generationen, die im benachbarten Prälatenhaus lebten, diente dieser Raum dann mehr als 150 Jahre als Lager. Keine Bücher, keine Regale.

Birgit M. Widmann: Und 1970 kam Ihr Schwiegervater ins Spiel Hanne Wittermann: Mein Schwiegervater, Dr. Ernst Wittermann, hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Kinderarzt in Weilheim niedergelassen und viele Jahre als Einziger weit und breit den gesamten Landkreis Weilheim-Schongau versorgt. Aufmerksam auf den Saal wurde er
durch seinen Freund Dr. Ottmar Schubert, Konservator am Landesamt für Denkmalpflege. Damals durfte meine Schwiegereltern -Familie über die Wohnung von Herrn Streicher einen Blick in den Saal werfen. Sein Freund hat ihn dann motiviert, das Haus vor dem Verfall zu retten: einen Verein zu gründen, um an staatliche Fördermittel zu kommen und zu sanieren.

Birgit M. Widmann: Das war eine Entscheidung. Hanne Wittermann: Eine mutige Entscheidung, muss ich sagen. Ich betone das, weil er ja Kinderarzt war, mit einer großen Praxis. 1971 gründete er den Verein „Freunde des Pollinger Bibliotheksaals e. V.“ und begann selbst, Geld für die Sanierung einzutreiben.  Es ist ihm gelungen: Aufgrund seines Bekanntheitsgrades kamen in kurzer Zeit  600.000 DM an privaten Mitteln zusammen. Damit ging er an den bayerischen Staat heran. Der hat, wenn man es genau wissen will, fast denselben Betrag dazugegeben — 550.000 DM. So konnte das gesamte Gebäude saniert und restauriert werden, in erster Linie die baufällige umlaufende Balustrade. Die Arbeiten dauerten von 1972 bis 1975. Am 27. September 1975 wurde der Saal in einem feierlichen Festakt eingeweiht.

Wie wurde die Akustik entdeckt?

Hanne Wittermann: Mein Schwiegervater stammte aus einer musikalischen Familie, fast jedes Wochenende gab es Hausmusik im Hause Wittermann. Er spielte Cello, meine Schwiegermutter Cembalo, die vier Söhne jeder ein Streichinstrument. 1973 war der Saal komplett eingerüstet, eine große Baustelle. Da hatte er die Idee, dort, wo heute
die Bühne steht, ein Hausmusikkonzert zu veranstalten — „auf der Baustelle“, so stand es dann auch im Weilheimer Tagblatt. Ich weiß noch, der Boden war nicht fertig, die Fußbodenheizung lag, der Estrich war drauf. Ich habe Bierbänke aus der nahen Klosterwirtschaft herbeigeschafft, damit die Leute sitzen konnten. Und in dem Moment,
als hier Musik erklang, hat man über die fantastische Akustik gestaunt.

Birgit M. Widmann: Und die hat sich herumgesprochen. Hanne Wittermann: Über die Jahrzehnte, unter den großen Künstlern, die hier aufgetreten sind — weltweit, kann man sagen. Deswegen wird der Saal so geschätzt. Und deswegen haben wir jedes Jahr CD-Einspielungen namhafter Künstler.

Wie übernimmt man so ein Lebenswerk?

Birgit M. Widmann: Ihr Schwiegervater hat das Ganze ins Leben gerufen, dann hat Ihr Mann übernommen — und dann sind Sie ins kalte Wasser gesprungen. Und die Trauer war auch dabei. Hanne Wittermann: Mein Schwiegervater starb 2001, mein Mann konnte nahtlos übernehmen. 2005 ist dann mein Mann unerwartet verstorben, und seitdem leite ich den Bibliotheksaal als Vorsitzende. Ich war damals noch voll berufstätig, als Konrektorin an einer Grundschule in Weilheim. Das war eine große Herausforderung und Entscheidung. Aber ich sehe es als ein Erbe, das ich  angetreten habe. Wenn ein Schwiegervater ein historisch bedeutsames Gebäude zu neuem Leben erweckt, dann überlässt man das nicht jemandem, der mit dem Haus und mit Musik nichts zu tun hat. Und ich bin von Anfang an dabei, ich kenne hier jede Ecke, jeden Winkel.

Birgit M. Widmann: Also ist das Ihr Lebenswerk. Hanne Wittermann: Das Lebenswerk war das meines Schwiegervaters. Ich bin die Fortsetzung. Birgit M. Widmann: Aber eine Fortsetzung ist selbst eine Leistung. Man muss die Brücke schlagen, damit dieser Geist weiterlebt. Hanne Wittermann: Ich sage das immer wieder: Seit 1975 leiste ich in diesem Raum ehrenamtlichen Dienst. Unsere Satzung schreibt es so vor — der Vorstand arbeitet ohne einen Pfennig. Einundfünfzig Jahre sind das jetzt.

Was kostet ein solches Haus im Jahr?

Hanne Wittermann: Im vergangenen Jahr lag der Unterhalt bei 48.000 Euro. Dieses Geld muss ich erwirtschaften. Ich buche die Veranstaltungen, bin bei CD-Einspielungen und Sonderkonzerten anwesend, schreibe die Mietverträge. Ein historisch bedeutsames Gebäude am Leben zu halten, ist viel Arbeit — man kümmert sich um alles, um jeden
kleinsten Schaden.

Birgit M. Widmann: Was waren die großen Posten der letzten Jahre?
Hanne Wittermann: Die Heizung. Der Anschluss an die Fernwärme hier in Polling hat ein riesiges Loch in die Vereinskasse gerissen. Dafür sind wir jetzt vom Heizöl weg, dessen Preis jahrelang gestiegen ist. Und vor einigen Jahren wurden sämtliche Fenster erneuert: 24 mit dem Foyer, 30 im ganzen Gebäude, alle auf den neuesten Stand —
Schalldämmung nach außen und Wärmedämmung. Birgit M. Widmann: Und Sie machen das alleine? Hanne Wittermann: Ich habe zwei Helferinnen, aber den Großteil mache ich selbst. Seit 1975 führe ich übrigens die Theke ehrenamtlich, der komplette Erlös fließt in die Vereinskasse. Der Vorstand hat neun Mitglieder, zu denen unter
anderem Herr Fietzek und Frau Hauer gehören. Der Hauptanteil der Arbeit liegt bei mir, weil ich auch alle Termine in meinem Kalender führe. Ich bekomme Anfragen über Anfragen — viele Künstler und Ensembles halten mich für die Veranstalterin, weil ich den Saal verwalte. Ich muss immer wieder betonen: Ich vermiete ihn an Veranstalter bin
nur für die Volksmusikkonzerte Veranstalterin.

Wer sind die Veranstalter?

Hanne Wittermann: Wir haben sehr viele Konzerte von verschiedenen Veranstaltern. Die Konzertdirektion Hörtnagel aus München bringt klassische Reihen hierher. Dazu kommen die Festivals — die gab es zu Zeiten meines Schwiegervaters und meines Mannes gar nicht. Das polliphonic Festival bespielt seit 2023 jeden Juni Orte in und um
Polling, quer durch die Genres, von Klassik über Jazz bis zu Lesungen: den Innenhof von HK-Engineering, die Säulen der STOA169, den Fischerbau — und den Bibliotheksaal. Und beim Leschs Merlin-Festival hat unser Verein selbst zwei von vier Veranstaltungen übernommen.

Birgit M. Widmann: Und die Volksmusik? Hanne Wittermann: Die habe ich hier hereingebracht, vor jetzt 17 Jahren über den Kontakt zu Karl Edelmann, der unter den Volksmusikern einen großen Namen hat. Jahrzehntelang gab es hier nur Klassikkonzerte. Ich habe immer gesagt: Wir sitzen nicht in München, Polling ist eine Dorfgemeinschaft, und die ist für das Bayerische offener. Bei dieser Reihe ist unser Verein selbst der Veranstalter, Karl Edelmann der musikalische Leiter. Er bringt die namhaftesten Volksmusikgruppen aus dem gesamten Alpenraum nach Polling. Manche Abende sind schon im Vorverkauf ausverkauft.

Wie ist der Verein PODIUM MUSICALE entstanden?

Ursula Hauer: Da muss ich anfangen. Zuerst hatten wir die Matinee im Krankenhaus, gemeinsam mit meinem Mann. 36 Konzerte haben wir dort veranstaltet, im damaligen Eingangsbereich. Wir waren zugleich häufige Konzertbesucher hier im Bibliotheksaal — dass die Akustik großartig ist, wusste jeder. Irgendwann kam die Idee: Wir probieren es
einmal aus. Wir haben Leute gesucht, Herr Fietzek war dabei und Frau Wittermann auch, haben einen kleinen Verein gegründet und es versucht. Seit 2009 gibt es ihn. Die letzte Krankenhausmatinee war 2014 —fünf Jahre lang lief beides parallel. Helmut Fietzek: Ich war ebenfalls Gründungsmitglied, und ich fand die Idee schön, aus zwei
Gründen. Erstens, jungen Künstlern ein Forum zu bieten. Man muss sich einmal hineinversetzen: Was macht jemand, der mit dem Musikstudium fertig ist? Wo soll er anfangen? Einen Saal mietet er nicht, das Geld und die Verbindungen hat er nicht. Das ist ein schwieriger Start. Wenn man so etwas unterstützen kann, finde ich das großartig.

Warum gibt es keine Eintrittspreise?

Helmut Fietzek: Das ist der zweite Grund: Wir verlangen keinen Eintritt, sondern bitten um Spenden. Jeder kann in diese Konzerte besuchen. Auch wer nicht viel Geld hat, kann mit seinen Kindern kommen und das geben, was er geben kann. Bislang hat sich das gut verwirklichen lassen — wir haben ein gemischtes Publikum. Diejenigen, die gerne etwas spenden, und das brauchen wir auch. Und diejenigen, die sagen: Heute habe ich nicht so viel übrig. Ursula Hauer: Die soziale Komponente stand immer im Fokus. 2018 wurde im Saal zum ersten Mal eine Oper
konzertant aufgeführt, mit der Kammeroper München. Das war eine der wenigen Veranstaltungen, bei denen wir Eintritt verlangen mussten.

Mein Wunsch wäre, dass mehr junge Leute kommen. Wir dachten, es gibt so viele junge Leute, die Interesse hätten — aber dem ist nicht so. Das ist sehr bedauerlich. Helmut Fietzek: Das ist überall so, nicht nur bei uns. Die Musikkultur verändert sich. Das sehen Sie in jedem Konzertsaal und in jeder Oper. Für uns ist es trotzdem der Grund, es so zu machen: Es gibt keine Barrieren, jeder ist willkommen. Kinder waren schon da und Babys, solange
sie ruhig sind. Und es gibt Bewegungen, die genau darauf zielen. Beim Merlin-Festival mit Harald Lesch hier im Sommer gab es zum ersten Mal ein Kinderkonzert – gut besucht, und die Leute haben sich gefreut, dass sie mit ihren Kindern hineindurften. Vielleicht dreht sich der Trend doch. Ursula Hauer: Es gibt auch keine Platzreservierung,
sodass Kinder ganz vorne sitzen können.

Wie kommen junge Musiker*innen auf diese Bühne?

Birgit M. Widmann: Ich bin Musiker*in, habe mein Hochschulstudium abgeschlossen und möchte bei Ihnen spielen. Wie mache ich das? Helmut Fietzek: Sie gehen auf unsere Webseite www.podium-musicale.de oder rufen an und sagen: Das ist mein Programm, das könnte ich Ihnen anbieten, darf ich bei Ihnen spielen? Ursula Hauer: Und natürlich über YouTube. Heute hat man keine CDs oder DVDs mehr, man ist auf YouTube zu hören. Helmut Fietzek: Einer von uns beiden sieht sich das an, meist gibt es Hörbeispiele. Wir können ja nicht alle hier konzertieren lassen, es muss schon ein gewisses Niveau sein. Dann hören wir zu und sagen: Die sind gut, die nehmen wir. Oder
leider nicht – aus Altersgründen oder weil es nicht hineinpasst. Danach schauen wir, wann sie in die Jahresplanung passen, und prüfen den Kalender. Dann ein Telefonat, dann die Zusage, dann das Programm für das nächste Jahr. Ursula Hauer: Eines haben wir noch nicht erwähnt: Alle, die hier spielen, haben ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Das ist wichtig zu wissen, denn es gibt auch großartige begabte Musiker*innen ohne Abschluss. Aber wir haben uns darauf festgelegt.

Birgit M. Widmann: Und bekomme ich eine Gage? Helmut Fietzek: Gage sagen wir nicht – eine Aufwandsentschädigung. Die muss zu den Gesamtkosten passen. Ursula Hauer: Wir sagen den Künstler*innen immer: der Verein übernimmt die Werbung, die Saalmiete, die Programmhefte und eine Videoaufzeichnung des Konzerts – deshalb nennen wir es Aufwandsentschädigung. Birgit M. Widmann: Saalmiete, Werbung, Druck, Internet, Pressearbeit – das machen alles Sie? Helmut Fietzek: Ja, ehrenamtlich.

Wann müssen Sie Künstlern absagen?

Helmut Fietzek: Das Alter von 35 ist die Grenze. Wir hätten genug Anfragen von Gruppen, die darüber liegen, aber das ist nicht mehr unser Vereinsziel. Wir wollen junge Menschen fördern, die noch nicht etabliert sind, und ihnen ein Sprungbrett bieten. Die Älteren hätten wir auch gerne, satzungsgemäß geht es nicht. Das ist das kleine Manko
an meiner Aufgabe: Ich muss Menschen absagen, von denen ich überzeugt bin, dass sie hervorragend sind. Aber wir haben unseren Rahmen gezogen. Öffnen wir ihn für jeden, ist es nicht mehr dasselbe. Ursula Hauer: Wir müssen die Gemeinnützigkeit nachweisen.  Hanne Wittermann: Und es gibt eine Art von Musik – ich sage es drastisch, die so wummert, dass der ganze Saal bebt. Oder Zusatzoptik in Form von Nebelschwaden. Das geht bei uns nicht.
Ursula Hauer: Kein Pop, kein Rock.

Was ist aus den jungen Künstlern geworden?

Helmut Fietzek: Ich möchte uns nicht loben, aber viele, die hier angefangen haben, machen inzwischen wirklich Karriere. Sie spielen deutschlandweit, manche in den USA. Für einige ist es ein echtes Sprungbrett. Als ich zum letzten Konzert hierherfuhr, lief im Autoradio das mehrfach preisgekrönte E.T.A.-Trio — diese Musiker waren wenige
Wochen zuvor auch bei uns. Da freut man sich, dass man offenbar mit seiner Auswahl richtig lag. Ursula Hauer: Und mit Unterstützung des Weilheimer Tagblatts erscheint zu jedem Konzert eine Kritik. Helmut Fietzek: Umgekehrt erreichen uns inzwischen Anfragen weit über die Region hinaus. Für 2028 habe ich ein Trio aus Dänemark und eine Pianistin aus der Schweiz. Wir haben plötzlich einen Namen, das darf ich wohl sagen. Es spricht sich herum, dass es hier eine Möglichkeit gibt. Ursula Hauer: Wir sind eine „Marke“. Birgit M. Widmann: Und Sie bekommen auch etwas zurück? Helmut Fietzek: Es kommen Menschen auf mich zu und bedanken sich dafür, dass es das gibt. Wenn jemand nach einem Konzert sagt, wie wunderbar der Vormittag war — das ist ein Ergebnis, mit dem man nicht rechnet und das mehr wiegt als vieles andere.

Was hat der Verein noch bewegt?

Helmut Fietzek: Wir haben Benefizkonzerte veranstaltet, darunter ein sehr großes. Eine Weilheimerin, eine Spanierin, die in München arbeitet, kam zu uns: „In Valencia sei dieses riesige Unglück passiert, sie fühle sich betroffen und müsse etwas tun“. Da haben wir gesagt: Dann machen wir ein Benefizkonzert mit Musikern aus Spanien. Eine Pianistin kam und ein Saxophonist. Ursula Hauer: Der Verein hat alle Kosten übernommen. Alle. Helmut Fietzek: Und das darf ich verraten: Es kamen 7.000 Euro zusammen für die Musiker in Valencia, die durch die Flutkatastrophe ihre Instrumente verloren hatten.
Helmut Fietzek: Ganz aktuell hat mir der Pianist des letzten Konzerts, Johannes Obermeier  angeboten, ein Benefizkonzert für das geplante Kinderhospiz in Polling zu spielen.  Natürlich machen wir das. Immer kann man das nicht leisten – aber wenn Künstler großzügig sind und auf ihre Aufwandsentschädigung verzichten, schauen wir, dass wir es ermöglichen. Ursula Hauer: Unsere Schirmherrin ist Frau Prof. Margarita Höhenrieder, die an der Musikhochschule München Klavier unterrichtete. Ihr verdanken wir zwei Benefizkonzerte mit professionellen Kollegen, deren Erlös allein dem PODIUM MUSICALE zugutekam. Dadurch halten wir uns über Wasser.

Wer hat in diesem Saal schon gespielt?

Helmut Fietzek: Wenn man die Chronik aufschlägt, liest man eine Geschichte der Kammermusik der letzten 50 Jahre. Das ist nicht irgendein Saal, sondern einer, in dem die ganz großen Streichquartette und Trios gespielt haben oder Swjatoslaw Richter, Anne-Sophie Mutter, alles, was in der Kulturszene Bedeutung hat. Leonard Bernstein, Carl Orff waren hier, Loriot, um nur einige zu nennen. Auch Hélène Grimaud und Anne-Sophie Mutter nahmen in diesem Saal CDs und DVDs auf. Und 2018 gab es eine Premiere für diesen Saal: eine konzertante Opernaufführung mit der Kammeroper München, veranstaltet vom PODIUM MUSICALE. Dieser Raum atmet die Kultur der letzten fünfzig Jahre. Das fasziniert mich.

Birgit M. Widmann: Und während der Pandemie? Helmut Fietzek: Da fand in keinem Konzertsaal mehr etwas statt. Und dann wählte Jonas Kaufmann diesen Saal. Er hat hier ein Konzert gegeben, das die Metropolitan Opera New York weltweit übertrug. Ich habe mir ein Ticket gekauft und es zu Hause im Fernseher angesehen. Der Saal wurde also plötzlich auf der ganzen Welt gesehen. Und Jonas Kaufmann kann sich aussuchen, wo er singt – ihm stehen überall die Türen offen. Er wählte Polling. Ursula Hauer: Er kommt aus Herrsching, er kennt die Qualität des Bibliotheksaals. Hanne Wittermann: Ein gigantischer Aufwand war das. Die gesamte Bestuhlung wurde in ein Stockwerk tiefer geschafft. In der Mitte des Saales baute man eine Bühne auf, ein D-Flügel wurde angeliefert, Helmut Deutsch hat begleitet. Ohne Publikum, aber ringsum standen die Kameras. Alle Fenster wurden zugehängt, es gab
nur Lichtleisten – oben auf der Galerie und unten an den Wänden entlang. Der ganze Saal lag in magischem Licht.

Was hat ein Buch, das es nur einmal auf der Welt gibt, mit Polling zu tun?

Helmut Fietzek: Um die Bedeutung dieses Bibliotheksaals deutlich zu machen: Es gibt ein Buch auf der Welt, das existiert nur ein einziges Mal. Das ist der Babylonische Talmud, und er gehörte zum Bestand der Pollinger Bibliothek. Heute liegt er im Safe der Staatsbibliothek München, als UNESCO-Weltdokumentenerbe. Hanne Wittermann: Propst Franziskus Töpsl, der diese Bibliothek errichten ließ, hat dieses Buch eigens für sie erworben. In der Säkularisation kam es mit vielen anderen nach München, damals in die Kurfürstliche Hofbibliothek. Die Pollinger Bibliothek war
die zweitgrößte in Bayern, gleich nach der Hofbibliothek — mit über 80.000 Bänden. Helmut Fietzek: Das zeigt, welchen Rang dieser Ort schon damals hatte. Heute sind wir auch auf hohem Niveau, nur in einem anderen Fach. Wir haben keine Bücher mehr. Wir haben die Musik.

Wie arbeiten Sie zu dritt zusammen?

Birgit M. Widmann: Wie entsteht bei Ihnen etwas? Helmut Fietzek: mittels Telefon, E-Mail und über eine WhatsApp-Gruppe. Hanne Wittermann: Wir sind immer über alles informiert. Helmut Fietzek: Gemeinsam haben wir die Chronik– „1975-2025 50 Jahre Konzerte im Bibliotheksaal Polling“ erstellt. Das war intensive Arbeit, und sie schweißt zusammen, weil man einen gemeinsamen Gegenstand hat. Danach sagt man: Die nächsten fünfzig Jahre haben begonnen.

Wie weit reicht die Planung?

Helmut Fietzek: Das Programm des PODIUM MUSICALE für 2027 ist fertig, wir haben gerade die Druckversion bekommen. Acht Konzerte. Und für 2028 steht ebenfalls schon einiges. Den Auftakt macht am 17. Januar das Tovesco Trio mit Veronika Rädler, Tatu Kauppinen und Francesco Maccarrone. Am 28. Februar folgt ein Launch-Konzert mit der Pianistin Clara Isabelle Siegle, am 18. April das Trio van Hoof, Rampp und Thoma mit Mezzosopran, Bassbariton und Klavier. Am 6. Juni spielt das Streichtrio Weber, am 18. Juli das Duo Brem / Huber mit Violine und
Klavier, am 26. September Louis Mühlbauer, Klavier und Moderation, am 24. Oktober das Trio Merak mit Vibraphon, Marimba und Klavier – und am 14. November das Duo Starke / Agnès mit Klarinette/Tenor und Klavier. Birgit M. Widmann: Ein komplettes Jahresprogramm mehr als ein Jahr im Voraus, dazu das übernächste in Umrissen — das
bekommen selbst große Konzertagenturen nicht immer hin. Helmut Fietzek: Das liegt daran, dass wir früh anfangen und uns abstimmen können. Und daran, dass wir inzwischen angefragt werden, statt suchen zu müssen.

Wie kann man den Saal und die Vereine unterstützen?

Birgit M. Widmann: Ich bin begeisterter Fan. Wie kann ich spenden?
Ursula Hauer: Sie können bei PODIUM MUSICALE e.V. Mitglied werden, für 30 Euro jährlich – ein geringer Beitrag. Sie können auch jederzeit spenden, die Bankverbindung steht auf unseren Printmedien und der Website www.podium-musicale.de.
Birgit M. Widmann: Und was habe ich als Mitglied davon? Ursula Hauer: Ich pflege eine Liste mit über 300 E-Mail-Adressen, die alle Vorankündigungen bekommen. Die Mitglieder erhalten sie zuerst. Helmut Fietzek: Wichtig ist vor allem, dass man die Idee unterstützt und das Gefühl hat, etwas Sinnvolles zu tun. Wir sind auf der künstlerischen Seite und fördern die jungen Musiker*innen.

Hanne Wittermann: Und ich biete Führungen für Gruppen ab acht Personen an, das steht auf unserer Homepage, www.bibliotheksaal-polling.de. In einer knappen Stunde erzähle ich die Geschichte des Saals. Auch das trägt dazu bei, dass die Bedeutung dieses Hauses bekannter wird.

Und wenn eine Firma im Bibliotheksaal feiern möchte?

Birgit M. Widmann: Ich bin eine Firma und möchte eine Weihnachtsfeier ausrichten, mit Galadinner und Musik. Kann ich mich an Sie wenden? Hanne Wittermann: Ein Galadinner ist ausgeschlossen. Nur Musik oder Wortvorträge. Viele Leute fragen, wie man einen Saal über einen so langen Zeitraum so sauber erhalten kann. Da habe ich den
Daumen drauf: Nach jeder Veranstaltung wird geputzt, und Speisen oder Getränke dürfen nicht in den Saal. Helmut Fietzek: Aber wenn Sie Musik brauchen: Wir haben eine lange Liste von Künstlern, die hier gespielt haben. Akkordeon, Saxophon, was Sie möchten. Wir wissen genau, wer da war und wie gut sie sind, und können fast jeden
empfehlen. Damit täten Sie den Musikern einen Gefallen. Da wenden Sie sich gerne an uns. Hanne Wittermann: Ein kleines Catering an Stehtischen im Foyer ist möglich. Tagungen und Kongresse gehen ebenfalls, das hatten wir schon in größeren Abständen. Helmut Fietzek: Ein konkretes Beispiel: der Lions Club Dießen hat sein 25-jähriges Bestehen
hier gefeiert. Ein Mitglied spielt bei den Berliner Philharmonikern und hat Kollegen mitgebracht, dazu Professoren aus Freiburg – ein großartiges Konzert.

Was wünschen Sie sich?

Hanne Wittermann: Dass es in dem Rahmen weitergeht, den ich bisher geführt habe. Birgit M. Widmann: Und was gibt Ihnen das persönlich? Hanne Wittermann: Die Medaille hat zwei Seiten. Auf der einen freue ich mich, dass der Saal ausgelastet ist, und über die wunderbare Musik, die ich in all den Jahren gehört habe — über tausend
Konzerte, das haben wir auch in unserer Festschrift geschrieben. Das ist jedes Mal ein Genuss. Auf der anderen Seite stehe ich an vorderster Front für alles, was jemandem einmal nicht passt. Das kommt selten vor, aber es ärgert mich dann, weil ich es ehrenamtlich mache. Ich kann nicht sagen: Ist mir gleich, ich bekomme ja Geld dafür.
Letzten Endes überwiegen die schönen Seiten. Aber beide Seiten gibt es.

Helmut Fietzek: Ich wünsche mir, dass es so weitergeht und immer genug Menschen zu unseren Konzerten kommen. Dann wird die Arbeit, die dahintersteckt, dadurch honoriert, dass die Leute die Konzerte annehmen und sich daran freuen — so wie ich selbst es jedes Mal erlebe, wenn ich ein Konzert gehört habe. Man ist danach ein anderer Mensch. Und dass wir weiterhin jungen Künstlern ein Forum bieten können.

Ursula Hauer: Das Schönste ist, wenn die Leute sagen: wir kommen immer gerne und freuen uns schon auf das nächste Konzert. Etwas anderes braucht man nicht.

Birgit M. Widmann: Haben Sie ein Schlusswort?
Ursula Hauer: Die Feststellung von Bettina von Arnim: „Die Berührung zwischen Gott und der Seele ist die Musik“ bewahrheitet sich immer wieder und „Audio ergo sum“, ich höre, also bin ich. Eine Abwandlung des Zitats von Descartes „Cogito ergo sum“, ich denke, also bin ich. Es ist der Leitsatz unseres Vereins

Häufige Fragen zum PODIUM MUSICALE und zum Bibliotheksaal Polling

Wer steht hinter den Konzerten im Bibliotheksaal Polling?
Zwei Vereine, die eng verflochten sind. Der Verein Freunde des Pollinger Bibliotheksaals e.V. hält das Gebäude und vermietet es an Veranstalter. Der PODIUM MUSICALE e.V. veranstaltet die Konzertreihe MATINEE UM ELF. Hanne Wittermann ist Vorsitzende des einen und Schriftführerin des anderen, Helmut Fietzek ist Vorsitzender des einen und Schriftführer des anderen.

Welche Veranstalter spielen im Bibliotheksaal Polling?
Neben dem PODIUM MUSICALE unter anderem die Konzertdirektion Hörtnagel aus München, das polliphonic Musik Festival und die Volksmusikreihe des Vereins Freunde des Pollinger Bibliotheksaals unter der musikalischen Leitung von Karl Edelmann. Dazu kommen CD-Einspielungen und Sonderkonzerte.

Was kostet der Unterhalt des Bibliotheksaals Polling?
Rund 48.000 Euro im Jahr. Dieses Geld erwirtschaftet der Verein, dem der Saal gehört, durch die Vermietung an viele verschiedene Veranstalter sowie durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Der Vorstand arbeitet laut Satzung ehrenamtlich.

Wie viele Plätze hat der Bibliotheksaal Polling?
Maximal 380, wenn die Galerie besetzt ist.

Wer darf beim PODIUM MUSICALE spielen?
Musikerinnen und Musiker mit abgeschlossenem Hochschulstudium, die nicht älter als 35 Jahre sind. Die Altersgrenze
steht in der Vereinssatzung und hängt mit der Gemeinnützigkeit zusammen.

Bekommen die Künstler eine Gage?
Eine Aufwandsentschädigung. Saalmiete, Werbung, Programmhefte und Onlinewerbung trägt der Verein.

Was kostet der Eintritt bei der MATINEE UM ELF?
Nichts. Es wird um eine Spende in angemessener Höhe gebeten.

Kann man Mitglied werden?
Ja, für 30 Euro im Jahr. Mitglieder erhalten die Konzertankündigungen zuerst.

Gibt es Führungen durch den Bibliotheksaal Polling?
Ja, für Gruppen ab acht Personen. Hanne Wittermann führt selbst und erzählt die Geschichte des Saals in einer knappen Stunde. Anmeldung über die Website des Vereins.

Kann man den Bibliotheksaal für eine Firmenveranstaltung mieten?
Für Musik,Wortvorträge, Tagungen und Kongresse ja. Ein Galadinner im Saal ist ausgeschlossen, Speisen und Getränke dürfen nicht hineingenommen werden. Kleines Catering an Stehtischen im Foyer ist möglich.

Wann ist das nächste Konzert des PODIUM MUSICALE?
Am Sonntag, 22.November 2026, um 11 Uhr spielt das Ensemble Almanach „Bach und die Bachs“. 2027 folgen acht Konzerte, das erste am 17. Januar mit dem Trio Tovesco.

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