Kloster Andechs steht weithin sichtbar auf dem Heiligen Berg über dem Ostufer des Ammersees, mitten im Fünfseenland. Seit fast 900 Jahren ist es Ziel für Pilger und Wallfahrer. Heute ist es außerdem Brauerei, Gasthof, Landwirtschaft, Tagungsort und Konzertsaal. Diese Mischung ist kein Widerspruch, sondern Programm. Der Leitsatz des Hauses lautet: Genuß für Leib & Seele.
Wer waren die Grafen von Andechs?
Legendärer Ahnherr des Geschlechts ist der selige Graf Rasso, der Mitte des 10. Jahrhunderts von einer Pilgerreise ins Heilige Land Reliquien mitbrachte. Sie wurden zum Grundstock des Heiligen Schatzes von Andechs. Sein Grab liegt bis heute in der Wallfahrtskirche St. Rasso in Grafrath. Eine Burg Andechs wird erstmals 1080 erwähnt — als Sitz der Grafen von Dießen, die 1132 ihre Hofhaltung hierher verlegten. Die Andechser Grafen betrieben eine geschickte Heiratspolitik und erwarben Besitztümer, die bis nach Istrien, Dalmatien und Kroatien reichten. Ende des 12. Jahrhunderts erhielten sie von Kaiser Friedrich Barbarossa den Herzogstitel von Meranien und standen auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Aus dem Geschlecht gingen Königinnen und Bischöfe hervor, dazu die heilige Hedwig und die heilige Elisabeth von Thüringen. Mitte des 13. Jahrhunderts starb die männliche Linie mit Otto II. aus. Um 1248 zerstörten die Wittelsbacher die Burg. Damit endete die erste Phase der Andechser Geschichte.
Wie wurde Andechs zum Wallfahrtsort?
Durch eine Maus. 1388 wurde der verloren geglaubte Reliquienschatz wiedergefunden — die Überlieferung schreibt den Fund einer Maus zu. Darunter waren die „Heiligen Drei Hostien“, die Andechs zu einem der berühmtesten Wallfahrtsorte Deutschlands machten. Von da an ging es schnell:
- 1416 übernahmen die Chorherren aus Dießen am Ammersee die Betreuung der Wallfahrt
- 1423 ließ Herzog Ernst von Bayern eine gotische Hallenkirche bauen, deren Grundzüge heute noch erhalten sind. Von ihm stammt auch der Beiname „Heiliger Berg“
- 1455 gründete sein Sohn Herzog Albrecht III. das Benediktinerkloster. Die ersten sieben Mönche kamen aus Kloster Tegernsee
Einer der Väter der Klostergründung war Nikolaus von Kues — der Theologe und Kardinal hatte die Andechser Hostien geprüft und die Weiterführung der Wallfahrt unterstützt.
Was geschah mit dem Kloster in den Jahrhunderten danach?
Es überstand Kriege, Hunger, Seuchen und Plünderungen. 1669 zerstörte ein großer Brand das Kloster fast vollständig. Zur 300-Jahrfeier der Klostergründung ließ Abt Bernhard Schütz die Wallfahrtskirche 1755 im Stil des Rokoko erneuern. Die Namen der Beteiligten lesen sich wie ein Verzeichnis der bayerischen Hofkunst:
- Johann Baptist Zimmermann, Hofmaler und Hofstuckateur
- Franz X. Schmädl, Bildhauer
- Johann Baptist Straub, Hofbildhauer
Seit den Renovierungsarbeiten ab 2005 erstrahlt dieses Gewand wieder in altem Glanz. 1803 hob die kurfürstliche Regierung das Kloster im Zuge der Säkularisation auf. 1846 kaufte König Ludwig I. Andechs aus privater Hand und schenkte es 1850 der von ihm neu gegründeten Münchner Benediktinerabtei Sankt Bonifaz als Wirtschaftsgut. Diese Verbindung besteht bis heute. Andechs gehört zu Sankt Bonifaz in München, Abt ist seit 2003 Dr. Johannes Eckert.
Was gibt es in der Kirche zu entdecken?
Viele kommen nicht zum Beten herauf, sondern wegen der Kunst. Das ist kein Widerspruch — die Ausstattung war immer auch dafür gemacht, Menschen zu halten. Die Emporenbrüstung trägt 26 Bilder, die die Geschichte des Heiligen Schatzes erzählen: vom Erwerb der ersten Reliquien durch Graf Rasso über die Entstehung der Heiligen Drei Hostien und die Wiederauffindung 1388 bis zum Brand von 1669, der Kirche und Kloster zerstörte — den Schatz aber verschonte. Die Deckenfresken von Johann Baptist Zimmermann sind ein Bildprogramm, kein Schmuck. Im Mittelschiffgewölbe heilt das Gnadenbild der thronenden Muttergottes von Andechs die Kranken, und der Heilige Berg selbst wird dabei zum Teich Bethesda. Über dem Gnadenaltar versammelt der Heiligenhimmel Selige und Heilige um die Dreihostienmonstranz. In den Seitenschiffen gehört jede Szene zum nächstgelegenen Altar. Am Rasso-Altar sieht man, wie Rasso die Ungarn besiegt — mit dem Siegeskreuz Karls des Großen. Der Mann aus Grafrath hängt hier also an der Decke. Zum Reliquienschatz gehören Herrenreliquien: Teile des Kreuzes, der Dornenkrone und des Schweißtuchs.
Was ist die Schmerzhafte Kapelle?
Der stillste Ort auf dem Berg, und für viele der eigentliche. Sie liegt im Klostergang neben der großen Kirche, und wer heraufkommt, zündet dort eine Kerze an. Ihren Namen trägt sie nach der Pietà, einer geschnitzten Holzaltargruppe aus dem späten 17. Jahrhundert — eine der vielen Nachbildungen von Willem Keys „Beweinung Christi“, die auf den Weilheimer Bildhauer Hans Krumper zurückgehen. Das Gewölbe trägt Wessobrunner Stuck aus der Zeit um 1670. In einem Glasschrank an der Südwand stehen vier Büstenreliquiare aus dem frühen 18. Jahrhundert: der heilige Benedikt, die heilige Scholastika, Papst Gregor der Große und Papst Leo IX. Und hier liegt Carl Orff begraben, gestorben 1982. Für viele Besucher ist sein Grab der Hauptgrund, die Kapelle zu suchen. Wer sich für ihn interessiert: In Dießen am Ammersee steht das Carl-Orff-Museum, keine halbe Stunde entfernt. Ebenfalls hier bestattet ist Prinz Heinrich von Bayern, gestorben 1958. Am Eingang erinnert ein Epitaph an Abt Michael Einslin, gestorben 1640.
Wer lebt und arbeitet heute auf dem Heiligen Berg?
- 12 Benediktinermönche
- 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
- rund 500.000 Besucher der Wallfahrtskirche im Jahr
- rund 30.000 organisierte Pilger
- rund 800.000 Besucher insgesamt
Die Abtei erhält keine Zuweisungen aus Kirchensteuermitteln. Alles, was sie tut, finanziert sie über ihre Wirtschaftsbetriebe. Dazu gehört auch, was man als Besucher nicht sieht: In München betreibt Sankt Bonifaz seit über 25 Jahren Obdachlosenfürsorge. Im Haneberghaus erhalten täglich über 450 Menschen eine kostenfreie warme Mahlzeit. In einem Jahr hilft die Kleiderkammer 30.000 Menschen weiter, 4.000 nutzen die Dusch- und Bademöglichkeiten, 1.500 werden in der Arztpraxis behandelt. Das Bier vom Heiligen Berg finanziert Suppe in der Karlstraße. Diesen Zusammenhang kennen die wenigsten, die im Bräustüberl sitzen.
Warum braut ein Kloster Bier?
Weil Bierbrauen früher zum Haushalt gehörte wie Brotbacken. Man braute für den Eigenbedarf oder gemeinsam im Kommunbrauhaus des Dorfes — eine klösterliche Gemeinschaft war in dieser Hinsicht nichts anderes als ein großer Haushalt. Der Unterschied: Mönche waren die ersten Berufsbrauer. Wer täglich braut, lernt schneller als jemand, der alle vier Wochen ansetzt. Und sie konnten schreiben. Ihre Beobachtungen hielten sie fest und gaben sie an andere Klöster weiter. Schon der Plan des Klosters Sankt Gallen zeigt drei getrennte Brauereien: ein dünnes Bier für Arme, Pilger und Gäste, ein normales für die Mönche, ein starkes für Äbte und hochgestellte Gäste. Qualität bemaß sich damals an der Stärke. In Andechs wurde vermutlich schon kurz nach der Klostergründung 1455 gebraut — die sieben Mönche aus Tegernsee dürften das Handwerk mitgebracht haben.
Was macht die Klosterbrauerei Andechs besonders?
Sie ist heute die größte authentische Klosterbrauerei Deutschlands, die von einer existierenden Ordensgemeinschaft konzernunabhängig geführt wird.
- elf Biersorten
- rund 100.000 Hektoliter Ausstoß im Jahr
- gebraut und abgefüllt ausschließlich in Andechs
Die Brauerei ist eine klassische „Rampenbrauerei“. Für ihre untergärigen Biere — Hell, Spezial Hell, Bergbock Hell, Export Dunkel, Doppelbock Dunkel — nutzt sie das traditionsreiche Zweitank-Verfahren: Nach der Gärung wird das Jungbier in einen anderen Tank umgepumpt, damit sich keine Schichten mit unterschiedlichem Hefeanteil bilden. Danach reift es bis zu sechs Wochen. Die Brauerei steht seit 1984 unterhalb des Heiligen Berges — der Neubau war die Rettung, weil oben schlicht kein Platz mehr war. 2005/06 wurden Gär- und Lagerkeller auf bis zu 150.000 Hektoliter erweitert. Andechser Klosterbier gibt es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien, Österreich, der Schweiz und den USA.
Wo kehrt man ein?
Das Andechser Bräustüberl mit seiner Bierterrasse — Ausschank und Selbstbedienung, und die eigene Brotzeit darf mitgebracht werden. Das ist auf dem Berg nicht selbstverständlich und einer der Gründe, warum Andechs für Familien funktioniert. Der Klostergasthof für gehobene bayerische Küche. Dazu die Klostermetzgerei, der Klosterladen und die Andechser Alkoholfreien — Tafelwasser, Apfelschorle, Zitronenlimonade und Colamix. Die klösterliche Landwirtschaft umfasst 320 Hektar Grund- und Waldbesitz; davon werden seit 1995 150 Hektar ökologisch nach Naturland-Richtlinie bewirtschaftet.
Was kann man besichtigen?
- Die Wallfahrtskirche — frei zugänglich
- Der Andechser Kräutergarten — eintrittsfrei und ganztägig, Fachführungen nach Vereinbarung
- VR-Brauereiführung — seit 2023 mit Virtual-Reality-Brillen und Bierprobe
- Führung Alte Apotheke — „Wissen, Wunder, Wirkung“, eine Erlebnisausstellung zur Klosterapotheke
- Private Schnaps-Verkostungen für Gruppen
- Die Turmbesteigung — von oben reicht der Blick über das ganze Fünfseenland
Für Tagungen stehen der barocke Fürstentrakt, der Florian-Stadl mit bis zu 700 Plätzen und der Alte Pferdestall zur Verfügung. Über 200 Veranstaltungen im Jahr finden hier statt.
Was hat es mit den Skulpturen rund um das Kloster auf sich?
Sie stammen vom Symposium „Kunst und Bier“. Den Wettbewerb gibt es seit 2002; über fünfzehn Jahre trug ihn die Georg Zentgraf-Stiftung, seit 2018 ist das Kloster Andechs selbst der Veranstalter. Der Wettbewerb ist öffentlich — bewerben kann sich jeder, eine Jury wählt aus. Wer ausgewählt wird, kommt nach Andechs und arbeitet auf dem Maibaum-Platz unterhalb des Klosters, im Freien und vor Publikum. Und das ist der eigentliche Tipp: Zuschauen ist erwünscht. Gearbeitet wird während der Symposiumswoche täglich von 9 bis 12 und von 13 bis 17 Uhr, unterhalb des Bräustüberls. Wer in dieser Augustwoche heraufkommt, sieht die Skulpturen nicht fertig, sondern im Entstehen — und kann die Bildhauer dabei ansprechen. Die fertigen Werke bleiben Eigentum der Künstlerinnen und Künstler. Sie stellen sie für mindestens zwei Jahre der Ausstellung im Kloster- und Gemeindegebiet zur Verfügung.
Deshalb stehen die Skulpturen verteilt und nicht an einem Platz — und deshalb wechselt das, was man sieht, mit den Jahren. Das Interesse ist international: Zur Ausgabe 2026 lagen der Jury 41 Bewerbungen vor, darunter aus Mexiko und Japan. Ausgewählt wurden Katharina Haebler aus Herrsching am Ammersee, Ole Prietz aus Bremen und Martin von Lossa aus Leipzig; gearbeitet wurde vom 18. bis 25. August 2026. In der Jury sitzen Vertreter des Klosters, ein früherer Teilnehmer und der Andechser Bürgermeister.
Ein Tag des Symposiums gehört den Kindern: Im Rahmen des Ferienprogramms der Gemeinde Andechs arbeiten die Künstler seit Jahren einen Tag lang mit Kindern zwischen sieben und elf Jahren.
Wie kommt man am schönsten hinauf?
Zu Fuß. Der Weg über den Andechser Höhenrücken führt durch Buchenwald und über offene Hänge mit Blick auf den Ammersee — und er macht aus dem Kloster das, was es ursprünglich war: ein Ziel, das man sich erarbeitet. Diese Tour habe ich in meinem Buch Wandern für die Seele — Fünfseenland beschrieben, erschienen im Droste Verlag. Darin geht es nicht nur um den Weg, sondern auch darum, was einen oben erwartet: Für viele ist nicht das Bier der Grund heraufzugehen, sondern die Kunstschätze. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommt, erreicht Herrsching mit der S-Bahn und von dort das Kloster mit dem Bus oder in gut einer Stunde zu Fuß durch die Kiental-Schlucht.
Häufige Fragen zum Kloster Andechs
Wo liegt Kloster Andechs?
Auf dem Heiligen Berg über dem Ostufer des Ammersees, Bergstraße 2 in 82346 Andechs. Die Anfahrt mit der S-Bahn führt über Herrsching, von dort weiter mit dem Bus oder zu Fuß.
Seit wann gibt es das Kloster Andechs?
Das Benediktinerkloster wurde 1455 von Herzog Albrecht III. gegründet. Die Wallfahrt ist deutlich älter: Eine Burg Andechs wird bereits 1080 erwähnt, und seit fast 900 Jahren kommen Pilger auf den Berg.
Was hat es mit den Heiligen Drei Hostien auf sich?
Sie gehören zum Andechser Reliquienschatz, der 1388 nach langer Zeit wiedergefunden wurde — der Überlieferung nach durch eine Maus. Dieser Fund machte Andechs zu einem der berühmtesten Wallfahrtsorte Deutschlands.
Wo liegt Carl Orff begraben?
In der Schmerzhaften Kapelle im Klostergang neben der Wallfahrtskirche. Der Komponist starb 1982. In derselben Kapelle ist auch Prinz Heinrich von Bayern bestattet. Wer sich für Orff interessiert: In Dießen am Ammersee steht das Carl-Orff-Museum.
Wie viele Mönche leben in Andechs?
Zwölf Benediktinermönche gehören zur Gemeinschaft, dazu kommen rund 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Wirtschaftsbetrieben.
Finanziert sich das Kloster über Kirchensteuer?
Nein. Die Benediktinerabtei Sankt Bonifaz erhält keine Zuweisungen aus Kirchensteuermitteln und bringt alle Finanzmittel über ihre Wirtschaftsbetriebe selbst auf. Damit finanziert sie unter anderem die Obdachlosenhilfe in München, wo täglich über 450 Menschen eine warme Mahlzeit erhalten.
Wie viel Bier wird in Andechs gebraut?
Rund 100.000 Hektoliter im Jahr, in elf Sorten. Gebraut und abgefüllt wird ausschließlich vor Ort. Andechs ist damit die größte authentische Klosterbrauerei Deutschlands, die von einer Ordensgemeinschaft konzernunabhängig geführt wird.
Darf man im Bräustüberl eigene Brotzeit mitbringen?
Ja. Das Andechser Bräustüberl ist ein Selbstbedienungsbetrieb, in dem die mitgebrachte Brotzeit ausdrücklich erlaubt ist.
Was ist das Symposium „Kunst und Bier“?
Ein Bildhauerwettbewerb, den es seit 2002 gibt und den das Kloster Andechs seit 2018 selbst veranstaltet. Die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler arbeiten auf dem Maibaum-Platz unterhalb des Klosters. Ihre Werke bleiben ihr Eigentum und stehen mindestens zwei Jahre lang im Kloster- und Gemeindegebiet.

