Ramsar Gebiet Ammersee

von Birgit Widmann | 6, Nov., 2026 | natur magazin

Der Ammersee steht seit 1976 auf einer Liste, die weltweit gilt.

Wer im Januar am Südufer des Ammersees steht, sieht auf den ersten Blick einen stillen, grauen See. Tatsächlich ist es eine der am dichtesten belegten Winterherbergen Südbayerns. Zehntausend bis zwanzigtausend Wasservögel halten sich in dieser Zeit auf dem See auf, viele davon aus Nordeuropa und Asien. Dass dieser See international geschützt ist, geht auf ein Abkommen zurück, das älter ist als die meisten Umweltgesetze, die wir heute selbstverständlich finden. In Deutschland begann es ausgerechnet hier, und das ist jetzt genau fünfzig Jahre her.

Was ist die Ramsar-Konvention?

Die Ramsar-Konvention ist eines der ältesten völkerrechtlichen Umweltabkommen überhaupt. Beschlossen wurde sie am 2. Februar 1971 in der iranischen Stadt Ramsar von Vertretern aus 18 Nationen, 1975 trat sie in Kraft. Ihr vollständiger Name sagt, worum es geht: Übereinkommen über Feuchtgebiete, insbesondere als Lebensraum für Wasser- und Watvögel, von internationaler Bedeutung. Geschützt werden also nicht Landschaften um ihrer Schönheit willen, sondern Lebensräume, auf die Zugvögel auf ihren Wegen angewiesen sind. Ein See in Bayern und ein Delta in Westafrika können Teil derselben Kette sein. Schon bei Abschluss des Abkommens galten weltweit 22 Prozent der Feuchtgebiete als verloren. Das Abkommen war keine Vorsorge, sondern eine Reaktion. Heute gehören der Konvention 172 Vertragsparteien an. Weltweit stehen rund 2.530 Gebiete auf der Liste, zusammen mehr als 2,6 Millionen Quadratkilometer. Die Mitgliedsstaaten verpflichten sich, diese Flächen zu schützen und nachhaltig zu nutzen.

Was wurde im Oktober 2026 gefeiert?

Am 30. Oktober 2026 hatte die LBV-Kreisgruppe Starnberg gemeinsam mit den Gebietsbetreuern an den Fähranleger zur Roseninsel bei Feldafing geladen. Anlass waren fünfzig Jahre Ramsar-Gebiet Ammersee und Starnberger See. Begrüßt wurden die Gäste von Stefan Schilling, dem ersten Vorsitzenden der Kreisgruppe. Gekommen waren Regierungsvizepräsidentin Friederike Fuchs, der Starnberger Landrat Stefan Frey, Wolfgang Taffertshofer als stellvertretender Landrat von Weilheim-Schongau, Martina Drechsler als stellvertretende Landrätin von Fürstenfeldbruck, Ulrike Strohmeier als Vorständin des Bayerischen Naturschutzfonds und Elisabeth Wölfl, Leiterin der LBV-Bezirksgeschäftsstelle Oberbayern. Martina Drechsler erinnerte daran, dass Ramsar-Gebiete nicht an Landkreisgrenzen enden. Allein der Fürstenfeldbrucker Anteil am Schutzgebiet Ampermoos misst 282 Hektar, und dort ist der Große Brachvogel zurückgekehrt. Der Termin war mit Bedacht gewählt. Er fiel auf den Beginn der Winterruhe. Vorgestellt wurde an diesem Tag auch eine neu geschaffene Ruhezone rund um die Roseninsel samt der zugehörigen Hinweistafel.

Warum steht der Ammersee seit dem ersten Tag auf der Liste?

Deutschland trat der Konvention am 26. Februar 1976 bei, als elfter Staat. Am selben Tag wurden Ammersee und Starnberger See gemeldet. Sie gehören damit zur allerersten Garnitur der deutschen Ramsar-Gebiete, nicht zu den später nachgereichten. Der Grund war die internationale Bedeutung beider Seen für den Vogelzug. In den Uferbereichen der beiden Seen überwintern zusammen bis zu 40.000 Wasservögel. In Bayern sind es heute neun Ramsar-Gebiete: Starnberger See, Ammersee, Chiemsee, Ismaninger Speichersee mit Fischteichen, der Untere Inn zwischen Haiming und Neuhaus, der Lech-Donau-Winkel, die Donauauen und das Donaumoos, die Bayerische Wildalm und die Rosenheimer Stammbeckenmoore. In ganz Deutschland sind es 35.

Wie groß ist das Ramsar-Gebiet Ammersee?

Das Bundesamt für Naturschutz führt das Gebiet mit 6.517 Hektar. Dazu gehören die Seefläche selbst sowie die Verlandungszonen, Röhrichte, Streuwiesen und Feuchtflächen am Ufer. Die Gebietsbetreuung arbeitet mit einer etwas größeren Kulisse von rund 7.000 Hektar. Die beiden Zahlen widersprechen sich nicht, sie bezeichnen Verschiedenes: einmal die gemeldete Gebietsgrenze, einmal den Raum, für den die Betreuung zuständig ist. Drei Naturschutzgebiete liegen darin. Im Norden das Ampermoos, im Süden die Vogelfreistätte Ammersee-Südufer, seit 1979 ausgewiesen und knapp 500 Hektar groß, im Westen Seeholz und Seewiese. Das Landschaftsschutzgebiet Ammersee-West besteht bereits seit 1972. Über dem Ramsar-Status liegen weitere Schutzkategorien. Der See ist Europäisches Vogelschutzgebiet, Teile im Süden, Norden und Osten sind zusätzlich FFH-Gebiet. Diese Kategorien sind nicht dasselbe, sie bedeuten rechtlich Verschiedenes, und ihre Grenzen decken sich nicht.

Eine Wiese voller violetter Sibirischer Schwertlilien zwischen gelben Blüten und hohem Gras.

Sibirische Schwertlilien färben im Frühsommer ganze Flächen der Streuwiesen am Ammersee-Südufer. Aufnahme vom 25. Mai 2024 bei Dießen. Foto Copyright Birgit M. Widmann

Was macht die Streuwiesen am Ammersee so besonders?

Die Streuwiesen sind der eigentliche Schatz, und sie sind der Teil des Gebiets, den die meisten Besucher übersehen, weil er nicht spektakulär aussieht. Es sind traditionell gemähte Großseggen-Streuwiesen, und sie gehören zu den größten und letzten ihrer Art im südlichen Mitteleuropa. Über 1.200 Hektar Niedermoor-Streuwiesen liegen hier beieinander. So weit nördlich der Alpen gibt es kein zweites Gebiet dieser Größenordnung. Das Ampermoos im Norden ist eines der letzten Flusstalniedermoore Bayerns. Seine Schneidried-Bestände zählen zu den größten in Mitteleuropa und sind nach der europäischen FFH-Richtlinie ein prioritärer Lebensraumtyp, also eine der höchsten Schutzkategorien, die das europäische Recht kennt. In den Streuwiesen leben Wiesenbrüter und die Sibirische Schwertlilie, die im Frühsommer ganze Flächen blau färbt. Insgesamt gehört das Ammersee-Gebiet zu den dreißig artenreichsten Gebieten Deutschlands. Dazu kommen Lebensräume, die man selten auf so engem Raum findet: mesotrophes Voralpengewässer, Wellenschlagufer mit Strandrasen, Uferröhricht, Au- und Galeriewald, Anmoor und Niedermoor, Überflutungsried, artenreiche Flachlandmähwiesen, Quellfluren, ein kühler Gebirgsfluss mit Mündungsdelta sowie Feuchtwald und reliktischer Eichen-Hainbuchenwald.

Welche Vögel verbringen den Winter am Ammersee?

Die Gebietsbetreuung nennt den Ammersee eine „Drehscheibe des internationalen Vogelzuges“. Das ist keine Werbeformel, sondern eine Lagebeschreibung: Der See liegt an einer der Linien, auf denen Vögel zwischen Nordeuropa und dem Süden unterwegs sind. Im Winter halten sich zehntausend bis zwanzigtausend Wasservögel am See auf. Über dreißig Arten nutzen ihn als Rast- und Überwinterungsgebiet. Die größten Zahlen stellen Blässhühner und Tauchenten wie Reiher- und Tafelente. Vereinzelt überwintern Rohrdommeln. Wie weit diese Vögel kommen, macht die Reiherente deutlich. Einzelne Tiere legen bis zur Ankunft am Ammersee rund fünftausend Kilometer zurück, aus Sibirien. Ein eigenes Schauspiel liefert der September: Dann machen seit einigen Jahren tausend bis zweitausend Kolbenenten in der Fischener Bucht Station. Im Sommerhalbjahr zählt das Gebiet zu den artenreichsten Brutplätzen der Region. Im Naturschutzgebiet am Südufer brüten rund 110 Vogelarten, rechnet man die angrenzenden Ortschaften und Moränenhänge dazu, sind es 135. Darunter sind stark gefährdete Arten: Bekassine, Großer Brachvogel, Kiebitz, Braunkehlchen und Wiesenpieper. Gelegentlich tritt der Wachtelkönig auf. Eisvogel, Flussseeschwalbe und Schilfrohrsänger gehören ebenfalls dazu.

Was kostet eine Störung im Winter?

Diese Frage wird oft unterschätzt, weil man die Rechnung nicht sieht. Ein Wasservogel im Winter lebt auf Kante. Er frisst gerade so viel, wie er braucht, um die kalte Nacht zu überstehen. Fliegt er auf, weil sich etwas nähert, verbrennt er Reserven, die er bei vier Grad Wassertemperatur und kurzen Tagen kaum wieder hereinholt. Geschieht das mehrmals am Tag, über Wochen, entscheidet es über Überleben und über die Kondition, mit der ein Vogel im Frühjahr ins Brutgebiet zurückkehrt. Sichtbar ist davon nichts. Der Vogel fliegt weg, man sieht ihn später wieder, und alles scheint in Ordnung. Die Kosten fallen erst Wochen später an, an einem anderen Ort. Dasselbe gilt in den Bergen, und dort oft schärfer. Für ein Tier, das im Winter aus dem Einstand flüchtet, kann die Flucht selbst tödlich sein. Der Ammersee liegt nah an München und ist ein beliebtes Ausflugsziel mit steigenden Besucherzahlen. Beides zusammen, international bedeutsames Winterquartier und wachsender Freizeitdruck, macht die Ruhezeit zu mehr als einer Formalie. Die Gebietsbetreuerin Dr. Andrea Gehrold fasst die andere Seite derselben Rechnung zusammen: „Der erfolgreiche Winterschutz der Wasservögel bei uns trägt entscheidend zum Bruterfolg und dem Bestandserhalt bei.“

Warum gilt am Ammersee im Winter eine Ruhezeit?

1997 schlossen der Bayerische Seglerverband, der Bayerische Ruderverband und das zuständige bayerische Staatsministerium eine freiwillige Vereinbarung. Sie gilt für die drei großen oberbayerischen Seen: Ammersee, Chiemsee und Starnberger See. Von Anfang November bis Ende März ist der Wassersport dort nur eingeschränkt zulässig, mit festgelegten Schutzzonen, die Segel-, Surf- und Kitesport aus den empfindlichen Bereichen heraushalten. Die Verbände achten bei ihren Mitgliedern und angeschlossenen Vereinen auf die Einhaltung und bitten auch nicht organisierte Wassersportler, sich daran zu halten. Inzwischen tragen mehr Beteiligte die Ruhezonen mit als zu Beginn. Neben den Wassersportvereinen halten sich auch Fischer und die Bundeswehr daran. Der Starnberger Landrat Stefan Frey nannte beim Festakt genau diese freiwillige Selbstverpflichtung als den Grund dafür, dass beide Seen ihre Funktion als Vogelschutzgebiete bis heute bewahren konnten. In den ausgewiesenen Winterruhezonen selbst gilt ein klares Befahrungsverbot: Vom 1. November bis zum 31. März sind dort Boote und Wassersportgeräte jeder Art untersagt. Das verbleibende Problem sind die privaten Wassersportler, die keinem Verband angehören und deshalb von keiner Selbstverpflichtung erreicht werden. Um das zu ändern, werden derzeit in allen Schutzzonen neue Schilder aufgestellt, die Sinn und Zweck des Verbots erklären, statt es nur auszusprechen. Der Satz, der in dieser Geschichte am meisten zählt, steht selten in den Broschüren: Weil die Verbände mitgezogen haben, konnte ein generelles Befahrensverbot auf den ganzen Seen verhindert werden. Freiwilligkeit war hier der Grund, warum es keine flächendeckende Verordnung brauchte.

Wo genau gelten die Winterruhezonen?

Die Zonen sind keine vagen Bereiche, sondern benannte Flächen. Am Ammersee umfassen sie die gesamten Südbuchten zwischen Dießen und Froschgartl, die Herrschinger Bucht sowie die Nordbucht bei Eching und Stegen. Am Starnberger See gehören dazu die Roseninsel, die Flachwasserzonen zwischen Feldafing und Garatshausen, der Karpfenwinkel sowie die Nordbucht nördlich von Niederpöcking und Berg und die Südbucht südlich des Bernrieder Parks und des Erholungsgeländes Ambach. Diese Zonen sind inzwischen Winterquartier für etwa 20.000 Wasservögel allein am Starnberger See. Zusammen mit dem Ammersee kommen beide Seen auf rund 40.000.

Wer war Bayerns erster Gebietsbetreuer?

1996 wurde die Ramsar-Konvention fünfundzwanzig Jahre alt. Der LBV Starnberg nahm das Jubiläum zum Anlass, die Umsetzung vor Ort einzufordern. Der Status stand auf dem Papier, geschehen war wenig. Im selben Jahr stellte die Schutzgemeinschaft Ampermoos den Antrag für ein Pilotprojekt mit dem Namen „Gebietsbetreuung Naturraum Ammersee“. Im Frühjahr 1997 wurde die Stelle eingerichtet, in Trägerschaft des LBV, besetzt mit dem Diplom-Geographen Christian Niederbichler. Er ist bis heute im Amt und damit Bayerns dienstältester Gebietsbetreuer. Das Pilotprojekt bewährte sich so gut, dass ab 2002 auch für den Starnberger See eine Gebietsbetreuung eingerichtet wurde, zunächst mit Dr. Andrea Gehrold. Dass daraus überhaupt ein Beruf wurde, verdankt sich auch Horst Guckelsberger, Ehrenmitglied des LBV. Er setzte sich beim damaligen Umweltminister Thomas Goppel dafür ein, die Gebietsbetreuung auf offizielle Füße zu stellen. Das Pilotprojekt war so erfolgreich, dass daraus ein Modell wurde. Heute werden in Bayern 57 Gebiete betreut, dazu kommt das landesweite Bibermanagement. Über siebzig Gebietsbetreuerinnen und Gebietsbetreuer sind im Einsatz, allein zwanzig der betreuten Gebiete liegen in Oberbayern. An den beiden Seen hat die Erfolgsgeschichte allerdings eine Kehrseite. Vier Gebietsbetreuer teilen sich hier etwas mehr als zwei Stellen: Christian Niederbichler im Ampermoos, Dr. Andrea Gehrold am Starnberger See, Jana Jokisch und Markus Meßner am Ammersee. Früher waren es mehr. Was eine solche Stelle bewirkt, lässt sich am Ampermoos ablesen. Dort kehrten unter Niederbichlers Arbeit der Große Brachvogel und die Bekassine zurück. Dazu trug auch eine Sohlschwelle bei, die 2013 bei Grafrath gebaut wurde und den Wasserstand um etwa 40 Zentimeter anhob. Die Gebietsbetreuung ist damit eine bayerische Erfindung, die am Ammersee begann.

Schild des Naturschutzgebiets Vogelfreistätte Ammersee-Südufer mit der Aufschrift STOP, bitte umkehren, der Weg ist zur Brutzeit vom 1. März bis 31. August gesperrt, daneben Fotos eines Großen Brachvogels und eines Geleges.

Vom 1. März bis 31. August sind Wege in der Vogelfreistätte Ammersee-Südufer gesperrt. Das Schild des Landratsamts Landsberg am Lech zeigt den Großen Brachvogel und ein Gelege. Aufnahme vom 25. Mai 2024 bei Dießen. Foto Birgit M. Widmann

Wie steht es heute um die Feuchtgebiete?

Fünfzig Jahre Schutzstatus heißen nicht, dass die Sache erledigt wäre. Moore und Feuchtgebiete machen nur rund drei Prozent der Erdoberfläche aus. Sie speichern aber etwa 30 Prozent des Kohlenstoffs, der in Böden gebunden ist. Gemessen an ihrer Fläche ist das ein außerordentliches Verhältnis, und es erklärt, warum ihr Verlust doppelt wiegt: Der Lebensraum verschwindet, und das gespeicherte Kohlendioxid wird frei. Am 18. Juli 2024 trat das europäische Gesetz zur Wiederherstellung der Natur in Kraft. Sein Anlass ist ernüchternd: Rund 80 Prozent der europäischen Lebensräume gelten als bedroht. Der Freistaat hat bei der Gebietsbetreuung eine Vorreiterrolle übernommen, gefördert vom Bayerischen Naturschutzfonds.

Was bedeutet der Ramsar-Status rechtlich?

Hier lohnt die Genauigkeit, weil der Status oft stärker klingt, als er für sich genommen ist. Die Ramsar-Konvention ist eine völkerrechtliche Selbstverpflichtung des Staates. Sie begründet kein unmittelbares Bau- oder Nutzungsverbot und kein eigenes Genehmigungsverfahren, auf das sich jemand vor Ort berufen könnte. Wirksam wird der Schutz über das nationale und europäische Recht, das über denselben Flächen liegt. Am Ammersee ist das vor allem die Ausweisung als Europäisches Vogelschutzgebiet und als FFH-Gebiet. Vorhaben, die ein solches Gebiet erheblich beeinträchtigen können, brauchen eine Verträglichkeitsprüfung nach dem Bundesnaturschutzgesetz. Dazu kommt der Artenschutz, der für bestimmte Arten unabhängig von jeder Gebietsgrenze gilt. Ein Punkt daraus wird häufig übersehen: Geprüft wird nicht nur, was innerhalb der Grenze passiert. Auch ein Vorhaben außerhalb des Gebiets ist zu betrachten, wenn es auf das Gebiet einwirken kann. Vögel halten sich nicht an Katasterlinien, und das Recht nimmt das zur Kenntnis.

Was können Besucher im Winter tun?

Die wirksamste Maßnahme ist ohne Aufwand: Abstand halten und auf den Wegen bleiben. Zwischen November und März gilt das für die Uferbereiche, die Streuwiesen und die Röhrichtzonen besonders. Das heißt nicht, dass man im Winter nicht an den See soll. Es heißt, die Beobachtung aus der Entfernung zu machen, mit Fernglas statt mit Annäherung. Wer Vögel wirklich sehen will, sieht aus zweihundert Metern ohnehin mehr als aus dreißig, weil die Tiere dann tun, was sie sonst tun. Für genau diesen Zweck gibt es Beobachtungstürme, etwa bei Dießen und in Kottgeisering. Von dort aus stört man nichts und sieht an klaren Tagen zusätzlich die Alpen. Hunde gehören in diesen Bereichen an die Leine, auch wenn sie es nicht böse meinen. Für einen überwinternden Vogel ist ein freilaufender Hund am Ufer ein Beutegreifer, und die Reaktion darauf ist Flucht. Der LBV Starnberg bietet geführte Exkursionen mit erfahrenen Ornithologen an, bei denen man ohne Vorkenntnisse mitgehen kann.

Häufige Fragen

Was ist die Ramsar-Konvention?
Ein völkerrechtliches Abkommen zum Schutz von Feuchtgebieten, beschlossen am 2. Februar 1971 im iranischen Ramsar von Vertretern aus 18 Nationen, in Kraft seit 1975. Heute gehören ihm 172 Vertragsparteien an, weltweit stehen rund 2.530 Gebiete auf der Liste.

Was wurde im Oktober 2026 gefeiert?
Am 30. Oktober 2026 luden die LBV-Kreisgruppe Starnberg und die Gebietsbetreuer an den Fähranleger zur Roseninsel bei Feldafing, um fünfzig Jahre Ramsar-Gebiet Ammersee und Starnberger See zu begehen. Der Termin fiel zugleich auf den Beginn der Winterruhe, und eine neue Ruhezone um die Roseninsel wurde vorgestellt.

Warum steht der Ammersee seit dem ersten Tag auf der Liste?
Deutschland trat der Konvention am 26. Februar 1976 als elfter Staat bei. Am selben Tag wurden Ammersee und Starnberger See gemeldet, wegen ihrer internationalen Bedeutung für den Vogelzug. In den Uferbereichen beider Seen überwintern zusammen bis zu 40.000 Wasservögel.

Wie groß ist das Ramsar-Gebiet Ammersee?
Das Bundesamt für Naturschutz führt 6.517 Hektar, die Gebietsbetreuung arbeitet mit einer Kulisse von rund 7.000 Hektar. Darin liegen drei Naturschutzgebiete: Ampermoos im Norden, Vogelfreistätte Ammersee-Südufer im Süden, Seeholz und Seewiese im Westen.

Was macht die Streuwiesen am Ammersee so besonders?
Es sind traditionell gemähte Großseggen-Streuwiesen, die zu den größten und letzten im südlichen Mitteleuropa zählen. Über 1.200 Hektar Niedermoor-Streuwiesen liegen hier beieinander, ein zweites Gebiet dieser Größe gibt es so weit nördlich der Alpen nicht. Die Schneidried-Bestände im Ampermoos sind nach der FFH-Richtlinie ein prioritärer Lebensraumtyp.

Welche Vögel verbringen den Winter am Ammersee?
Zehntausend bis zwanzigtausend Wasservögel aus über dreißig Arten, vor allem Blässhühner, Reiher- und Tafelenten, vereinzelt Rohrdommeln. Einzelne Reiherenten legen bis zur Ankunft rund fünftausend Kilometer aus Sibirien zurück. Als Brutgebiet zählt das Südufer rund 110 Arten.

Was kostet eine Störung im Winter?
Ein aufgescheuchter Wasservogel verbrennt Energiereserven, die er im Winter kaum ersetzen kann. Wiederholt sich das über Wochen, kostet es Überleben und Bruterfolg im Frühjahr. Sichtbar ist davon nichts, die Rechnung kommt später und an einem anderen Ort.

Warum gilt am Ammersee im Winter eine Ruhezeit?
1997 vereinbarten der Bayerische Seglerverband, der Bayerische Ruderverband und das zuständige Staatsministerium freiwillige Einschränkungen des Wassersports für Ammersee, Chiemsee und Starnberger See. Inzwischen halten sich auch Fischer und die Bundeswehr daran. In den ausgewiesenen Zonen selbst gilt vom 1. November bis zum 31. März ein Befahrungsverbot für Boote und Wassersportgeräte jeder Art.

Wo genau gelten die Winterruhezonen?
Am Ammersee die gesamten Südbuchten zwischen Dießen und Froschgartl, die Herrschinger Bucht und die Nordbucht bei Eching und Stegen. Am Starnberger See die Roseninsel, die Flachwasserzonen zwischen Feldafing und Garatshausen, der Karpfenwinkel sowie die Nordbucht nördlich von Niederpöcking und Berg und die Südbucht südlich des Bernrieder Parks und des Erholungsgeländes Ambach.

Wer war Bayerns erster Gebietsbetreuer?
Der Diplom-Geograph Christian Niederbichler, dessen Stelle im Frühjahr 1997 als Pilotprojekt in Trägerschaft des LBV eingerichtet wurde. Er ist bis heute im Amt. Ab 2002 kam eine Gebietsbetreuung für den Starnberger See hinzu, zunächst mit Dr. Andrea Gehrold. Heute werden in Bayern 57 Gebiete betreut.

Wie steht es heute um die Feuchtgebiete?
Moore und Feuchtgebiete bedecken rund drei Prozent der Erdoberfläche, speichern aber etwa 30 Prozent des im Boden gebundenen Kohlenstoffs. Am 18. Juli 2024 trat das europäische Gesetz zur Wiederherstellung der Natur in Kraft, weil rund 80 Prozent der europäischen Lebensräume als bedroht gelten.

Was bedeutet der Ramsar-Status rechtlich?
Er ist eine völkerrechtliche Selbstverpflichtung des Staates und begründet für sich kein Bauverbot. Verbindlich wird der Schutz über das nationale und europäische Recht, am Ammersee vor allem über die Ausweisung als Europäisches Vogelschutzgebiet und FFH-Gebiet und über die Verträglichkeitsprüfung nach dem Bundesnaturschutzgesetz. Geprüft werden auch Vorhaben außerhalb der Gebietsgrenze, wenn sie auf das Gebiet einwirken können.

Was können Besucher im Winter tun?
Abstand halten, auf den Wegen bleiben, Hunde an der Leine führen und aus der Entfernung mit dem Fernglas beobachten, am besten von den Beobachtungstürmen aus. Das gilt zwischen November und März besonders für Uferbereiche, Streuwiesen und Röhrichtzonen.

Quellen: 

 

Text und Fotos: Birgit M. Widmann

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