Das ist der erste von drei Teilen zum Programm der 40. MEDIENTAGE MÜNCHEN. Grundlage sind das offizielle Programmheft, die Pressemitteilungen der Veranstalter und die veröffentlichte Berichterstattung, darunter der Rückblick der MEDIENTAGE selbst unter blog.medientage.de.
Die Eckdaten:
21. bis 23. Oktober 2026, Motto „Own it!“, mehr als 5.000 Besucherinnen und Besucher, rund 350 Referentinnen und Referenten, über 100 Sessions, Keynotes und Masterclasses. Veranstalterin ist die Medien.Bayern GmbH.
Der Mittwoch war der politische Tag, der mit dem Eröffnungsgipfe begann und dem Festakt in der BMW Welt endete. Es ging um Studien, die wahrscheinlich am sinnvollsten kleine Unternehmen viele Fragen beantworteten.
Wo fanden die MEDIENTAGE 2026 statt und wie waren sie organisiert?
Hauptort war das House of Communication der Serviceplan Group. Neu im Jubiläumsjahr kamen das Werk1.4 und das TECHNIKUM im Werksviertel dazu, dort lief die Career-Messe. Als vierter Ort diente das Riesenrad Umadum im Werksviertel. Die Organisation war aus Besuchersicht unauffällig im besten Sinne: ausgeschilderte Bühnen in Farben, eine App mit dem tagesaktuellen Programm, kurze Wege zwischen den Sälen, Garderobe, Catering und ausreichend Sitzplätze.
Fünf Hauptbühnen liefen parallel, dazu die Masterclass-Bühne und die Meetup-Bühne. Wer sich vorher einen Plan gemacht hatte, kam durch; wer sich treiben ließ, verpasste zwangsläufig etwas. Mein Eindruck nach drei Tagen: Top Location, saubere Organisation und ein tiefer Einblick in die Entwicklung des KI-Marktes und seine Folgen für die nächsten Jahre.
Welche Formate gab es?
Die MEDIENTAGE arbeiten mit sehr unterschiedlichen Darstellungsformen, und das macht einen Teil ihres Werts aus. Wer nur Vorträge erwartet, wird überrascht sein.
Gipfel sind die großen Branchenrunden zum Auftakt eines Themenblocks, mit sechs bis acht Personen auf der Bühne und einer Moderation, die durch das Programm führt. Es gab fünf davon:
den MEDIENTAGE-Gipfel, den TV-Gipfel, den Audio-Gipfel, den AI Summit und den Journalism Summit.
Keynotes sind Einzelvorträge von fünfzehn bis dreißig Minuten, meist von Wissenschaftlerinnen und Autoren, die den Rahmen setzen, bevor die Branche über sich selbst spricht.
Panels und Diskussionen besetzen den größten Teil des Programms, in der Regel drei bis fünf Personen, fünfundvierzig Minuten, oft von einem Verband oder einem Haus ausgerichtet.
Masterclasses auf der Red Stage sind das praktische Format: ein Unternehmen zeigt an einem konkreten Produkt, wie etwas funktioniert. Hier saßen Google, Amazon Web Services und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC.
Meetups im TECHNIKUM waren kostenfrei zugänglich und lebten vom Austausch statt vom Vortrag.
Riesenrad-Talks im Umadum sind das ungewöhnlichste Format: Themenfahrten in einer Gondel, mit wenigen Teilnehmenden und einem Fachthema pro Umlauf – Vertical Video, Cybersecurity in Medienhäusern, Branded Entertainment, der Hype um KI. Eine Gondelfahrt dauert rund eine halbe Stunde, und niemand kann zwischendurch aufstehen und gehen. Das zwingt zu einem Gespräch statt zu einem Vortrag.
Media For You im Werk1.4 und TECHNIKUM ist das Angebot für junge Leute, und es hat die klassische Jobbörse ausdrücklich ersetzt. Statt Messeständen gab es Mitmach-Workshops zu Videoschnitt, Moderation, KI, Social-Media-Storytelling, Film- und Musikproduktion, einen Moment am Mikro am Stand des Bayerischen Rundfunks, ein Synchron-Angebot für Anime-Stimmen, Zwanzig-Minuten-Coachings mit Medienprofis und ein Media Career Meetup.
Dazu die Media Idol Stage mit Sessions wie „Irgendwas mit Medien? So findest du heraus, was zu dir passt“. Annette Kümmel, Geschäftsführerin der Medien.Bayern GmbH, beschreibt das so: „So wird aus Berufsorientierung ein echtes Career-Erlebnis.“
Dazu kamen die Preisverleihungen: der Blaue Panther als TV- und Streaming-Award mit der Nacht der Medien in der BMW Welt, die Internationalen Eyes & Ears Awards am Vorabend, der BLM-Nachhaltigkeitspreis Medien, der ARD/ZDF-Förderpreis „Frauen + Medientechnologie“ und der MachDeinRadio-Star für junge Radiotalente.
Wie behält die Medienbranche die Kontrolle über ihre eigenen Grundlagen?
Das war die Frage des Eröffnungsgipfels „Own it!“ auf der Blue Stage, und sie streifte drei Bereiche: Zugang, Finanzierung und Technik. Moderiert von der Journalistin Eva Schulz, saßen dort nacheinander Politik, Aufsicht, privates und öffentlich-rechtliches Fernsehen, Presse und Wissenschaft.
Auf der Bühne:
- Dr. Thorsten Schmiege, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM)
- Dr. Markus Söder, Bayerischer Ministerpräsident
- Marco Giordani, Konzernchef der ProSiebenSat.1 Media SE
- Jochen Wegner, Chefredakteur DIE ZEIT
- Dr. Katja Wildermuth, Intendantin des Bayerischen Rundfunks
- Prof. Dr. Alexandra Borchardt, unabhängige Medienforscherin
- Valerie Niehaus, Schauspielerin und Moderatorin, für den Jubiläumsrückblick.
Schmiege verstand das Motto als Auftrag an Branche, Politik und Aufsicht zugleich und sagte: „Digitale Souveränität bekommen wir nicht geschenkt.“ Söder kritisierte, dass die Medienregulierung hinterherhinke, und forderte europäische Lösungen für Zugang, Vergütung und Inhalte sowie einen höheren Stellenwert für geistiges Eigentum; gegen Desinformation im Netz sagte er: „Wir dürfen uns das nicht einfach so kampflos gefallen lassen.“ Wegner nannte Zahlen zur eigenen Abhängigkeit – rund 25 Prozent des Traffics der ZEIT kommen von Google – und beschrieb den doppelten Weg seines Hauses: klagen wegen Datenklaus und gleichzeitig eigene Angebote bauen, darunter ein kostenpflichtiger Zugriff von Google Gemini auf ausgewählte Texte. Wildermuth setzte dagegen auf Besitz als Hebel – wer Inhalte hat, die Plattformen nicht haben, kann Bedingungen mitbestimmen – und verwies auf das AI for Media Network, das in zwei Jahren von 80 auf rund 1.000 Mitglieder gewachsen ist.
Borchardt brachte die Studienlage ein: 21 profitable europäische Medien-Start-ups, die ihr Publikum direkt binden, während Lizenzdeals mit KI-Firmen vor allem den großen Häusern nützen und lokale und regionale Medien leer ausgehen.
Fazit: Die Branche war sich einig, dass sie die Kontrolle über Zugang und Finanzierung verloren hat, und uneinig darüber, ob Regulierung, Kooperation oder eigene Technik sie zurückbringt.
Wer entscheidet über KI, und mit welcher Legitimation?
Die Eröffnungs-Keynote trug den Titel „Democratizing AI – Was wir jetzt tun sollten“. Gehalten hat sie nicht die im gedruckten Programm angekündigte Rednerin, sondern die politische Philosophin Prof. Dr. Annette Zimmermann, die an der University of Wisconsin-Madison forscht und derzeit in Bayreuth lehrt. Von ihr stammt auch das Buch, das dem Vortrag den Namen gab.
Ihre These: Die KI-Debatte pendelt zwischen „überzogenen Erwartungen und alarmistischen Szenarien“, und dazwischen gehen die Fragen verloren, die jetzt zu beantworten wären. Sie nannte die Konzentration des KI-Marktes bei wenigen, überwiegend US-amerikanischen Konzernen ein demokratisches Legitimationsproblem und sprach von einem „Single Point of Failure“. Sie warnte vor der Behauptung, KI sei zu komplex für demokratische Kontrolle, verlangte mehr Aufmerksamkeit für Ressourcenverbrauch und Arbeitsbedingungen in der KI-Industrie und forderte, Bürgerinnen und Bürger wirklich zu beteiligen statt „Partizipationstheater“ zu veranstalten.
An die Medien gerichtet: Sie sollten politische Einflussversuche der KI-Firmen transparenter machen.
Fazit: Zimmermann verschob die Frage von „Was kann KI?“ zu „Wer entscheidet über KI?“ – und setzte damit den Ton für alle drei Tage.
Lässt sich Macht gegenüber den Tech-Konzernen zurückgewinnen?
Das war der Titel des Gesprächs mit der britischen Investigativjournalistin Carole Cadwalladr: „Beyond the Tech Bro Empire – Reclaiming Power in the Age of Algorithmic Control“, geführt vom Journalisten und Moderator Richard Gutjahr. Cadwalladr deckte 2018 auf, dass Cambridge Analytica ohne Zustimmung Daten von über 80 Millionen Facebook-Profilen abgriff, um Wähler gezielt mit politischer Werbung und Desinformation zu beeinflussen. Danach wurde sie persönlich verklagt, von dem britischen Geschäftsmann, der die Brexit-Kampagne finanziert hatte – und ihr eigener Verlag unterstützte sie in dem Verfahren nicht. Eine Crowdfunding-Kampagne hielt sie über Wasser.
Ihr Befund: Die großen Technologiekonzerne vernetzen sich zunehmend mit autokratischen Regierungen, während Medienhäuser und Politik vor ihrer Lobbymacht einknicken. Strafzahlungen hält sie für zu gering, um zu wirken; den Meta-Vergleich über 17 Milliarden Dollar vom August 2026 nannte sie als Beispiel. Ihre Forderung an die EU waren Sanktionen gegen die Konzerne, ihr Appell an den Saal: „Wir müssen handeln!“ und „Wir sind nicht machtlos!“
Fazit: Gewinnen könne man nur, wenn man kämpfe – und das gilt auch für ihr eigenes Medium, das sie nach dem Prozess mit vier Kolleginnen ohne Kapital gegründet hat.
Was macht die digitale Öffentlichkeit mit der Demokratie?
Die Runde der Medienanstalten unter dem Titel „Demokratie unter Druck – Meinungsfreiheit, Plattformen und Verantwortung“. Der Untertitel der Mitteilung gibt die Stimmung wieder: Wir müssen uns viel mehr anstrengen.
Auf der Bühne:
- Jean Asselborn, ehemaliger luxemburgischer Außenminister
- Albrecht von Lucke, Jurist, Publizist und Politikwissenschaftler
- Dr. Katrin Vernau, Intendantin des WDR
- Dr. Thorsten Schmiege, Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten und BLM-Präsident
- Dr. Florian Herrmann, Leiter der Bayerischen Staatskanzlei und Staatsminister für Medien
- Moderation: Albrecht Bähr.
Asselborn warf der EU vor, die demokratischen Rückschritte in Ungarn und Polen zu lange tatenlos verfolgt zu haben: „Die Demokratie gilt es, mit allen Mitteln zu verteidigen.“ Von Lucke beschrieb die eigentliche Einbruchstelle: „Dieser Wunsch nach schnellen Lösungen, nach Komplexitätsreduktion ist das Einfallstor für alle Manipulatoren.“ Er schlug eine europäische Plattform vor, deren Algorithmen Aufklärung statt Polarisierung belohnen.
Vernau forderte faire Wettbewerbsbedingungen und räumte ein, der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse selbst attraktivere Angebote für junge Zielgruppen bauen. Schmiege verwies auf den digitalen Medienstaatsvertrag und verteidigte die Mühsal des Verfahrens: „Demokratie ist anstrengend, Föderalismus ist anstrengend, aber es ist notwendig und wichtig.“ Herrmann warnte davor, die Krise allein den Plattformen anzulasten.
Fazit: Die Verantwortung liegt nach dieser Runde nicht nur bei Plattformen und Politik, sondern auch bei denen, die lesen und wählen.
Wie arbeiten Medienschaffende wirklich mit KI?
Media Lab Bayern und das KI-Kompetenzzentrum Medien befragten von Juni bis September 2026 insgesamt 118 Medienschaffende, ergänzt durch neun ausführliche Interviews. Der Report heißt „Status quo: KI in den Medien“, die Dachzeile der Mitteilung lautet: „KI ist da. Echte Transformation bleibt aus.“
Auf der Bühne:
- Marie Kilg
- Johannes Klingebiel, Media Lab Bayern
- Moderation: Jim Sengl, KI-Kompetenzzentrum Medien.
Die Zahlen: 85 Prozent der Häuser haben mindestens ein KI-Projekt im täglichen Einsatz, 7 Prozent sehen KI als zentralen Bestandteil ihrer Wertschöpfung. 61 Prozent nutzen mindestens ein KI-Angebot eines Big-Tech-Konzerns, meist mehrere gleichzeitig; europäische Modelle spielen kaum eine Rolle. Als Hürden nennen die Befragten rechtliche Unsicherheiten (64 Prozent), fehlendes Wissen (54 Prozent), fehlende Mittel (52 Prozent) und fehlende Führung (47 Prozent). Nur 26 Prozent haben umfassende KI-Richtlinien, und nur 39 Prozent klare Regeln für die Kennzeichnung maschinell erzeugter Inhalte.
Fazit: Die Hürden liegen nicht in der Technik, sondern in der Organisation – und die Abhängigkeit von Big Tech wird in der Studie ausdrücklich als Schwachstelle beschrieben, ähnlich wie zuvor bei den sozialen Netzwerken.
Was bringt Community-Arbeit messbar?
Die zweite Studie des Tages, und für kleine Anbieter die wichtigere: „Community first: Wie Medienhäuser Netzwerke aufbauen und gestalten“ von XPLR: MEDIA in Bavaria und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Befragt wurden 17 Redakteurinnen und Führungskräfte aus 13 bayerischen Medienunternehmen, dazu das Publikum ausgewählter Angebote von BR24, 95.5 Charivari, kicker eSport und Kolumna.
Das Ergebnis in zwei Zahlen: Über 90 Prozent der Befragten vertrauen Community-Angeboten mit direkter menschlicher Interaktion. Bei Formaten mit echtem Kontakt, etwa einem WhatsApp-Dialog mit der Redaktion, liegt das Vertrauen in die eigene Medienmarke bei 94 Prozent – während das allgemeine Medienvertrauen in derselben, medienkritischen Gruppe nur 31 Prozent beträgt.
Stefan Sutor, Geschäftsführer der Medien.Bayern GmbH, zog daraus den Schluss, dass „echter Dialog auf Augenhöhe und menschliche Nahbarkeit im KI-Zeitalter den entscheidenden Unterschied machen“. Die Studie betont, dass es keine Universallösung gibt und Beziehungsarbeit auf das jeweilige Medium zugeschnitten sein muss. Transparenz über Recherche und Auswahlentscheidungen nimmt dem Journalismus den Ruf einer unnahbaren Black Box.
Fazit: 94 gegen 31 Prozent ist der deutlichste Zahlenvergleich dieser drei Tage – und er sagt, dass Nähe nicht Beiwerk ist, sondern das Produkt.
Wie steht der Medienmarkt 2026 da?
Der Trendvortrag „Medienentwicklungen 2026″ des MedienNetzwerks Bayern lieferte die Zahlen, die den Rest des Kongresses erklären. Untertitel: Sättigung des Paid-Content-Marktes trifft auf Vertrauenskrise und KI-Transformation.
Referent: Magnus Gebauer, Trendexperte beim MedienNetzwerk Bayern.
Seine Eröffnung war unmissverständlich: „Die bequeme Wachstumsillusion rund um bezahlte Inhalte ist beendet.“ Dahinter stehen unter anderem diese Werte: Die Medienumsätze wachsen bis 2030 um 0,6 Prozent pro Jahr, die Werbeerlöse um 4,1 Prozent, die digitalen Erlöse um 5,0 Prozent, während die nichtdigitalen um 0,8 Prozent schrumpfen. Die durchschnittlichen Haushaltsausgaben für digitale Abos steigen von 55 auf 62 Euro im Monat, und „19 Prozent geben an, über 100 Euro im Monat für digitale Abonnements auszugeben“.
Die Nutzung illegaler TV-Streams hat sich seit 2018 auf 7,7 Millionen Menschen mehr als verdoppelt. Das Medienvertrauen in Deutschland liegt bei 46 Prozent, 71 Prozent der Onlinenutzer meiden Nachrichten mindestens gelegentlich, und „Nachrichten werden 2026 von 15 Prozent oft gemieden. Das ist drei Mal so viel wie noch 2019″. Die gesamte Mediennutzung liegt stabil bei rund 385 Minuten am Tag; bei den 14- bis 29-Jährigen sind 88 Prozent der Videonutzung nicht mehr linear, und fast 30 Prozent der 18- bis 34-Jährigen nutzen regelmäßig Creator-Inhalte als Nachrichtenquelle.
Fazit: Der bezahlte Inhalt allein trägt nicht mehr, und die klassische Medienmarke hat ihr Monopol auf Orientierung verloren.
Was passiert, wenn das Netz zur Waffe gegen Frauen wird?
Der Vortrag der österreichischen Digitalexpertin und Autorin Ingrid Brodnig behandelte sexualisierte Deepfakes und ihre Wirkung auf die öffentliche Rede. Untertitel der Mitteilung: Deepfake und Degradierung. Brodnig nennt die Praxis beim Namen: „Das ist bildbasierte Gewalt.“ Frauen tragen laut der Mitteilung ein 33-fach höheres Risiko, Opfer solcher Fälschungen zu werden. Die österreichische Politikerin Lena Schilling, selbst betroffen, beschrieb es so: „Weil man ja auf einer Pressekonferenz ist, um was zu sagen, und dann wird man da ausgezogen.“
Entscheidend ist für Brodnig die Folgewirkung: Nach hasserfüllten Kommentaren gaben 42 Prozent der betroffenen Frauen an, künftig vorsichtiger zu formulieren. Diesen Chilling Effect versteht sie als Eingriff in die Meinungs- und Pressefreiheit. Ihre Forderung: strengere EU-Kontrolle der Plattformen und schnellere Rechtsdurchsetzung.
Fazit: Wo Hass zur Selbstzensur führt, verengt sich die Öffentlichkeit – und das ist kein Nebenschaden, sondern das Ziel der Angriffe.
Digitaler Entzug oder echter Schutz?
Nach dem australischen Verbot für Unter-16-Jährige wird dasselbe in Deutschland und auf EU-Ebene diskutiert. Die Runde prüfte, ob eine Altersgrenze genügt, und kam zu dem Ergebnis: allein nicht.
Auf der Bühne:
- Prof. Dr. med. Alena Buyx, Medizinethikerin an der TU München
- Fabian Grischkat, Webvideoproduzent
Buyx nannte Zahlen – 11 bis 20 Prozent der Jugendlichen zeigten eine suchtartige oder problematische Nutzung – und fasste die Verdrängung in vier Wörtern: „Schlaf, Spiel, Sport, Schule.“ Dazu: „Das sind alles Verdrängungseffekte durch Social Media, und die Evidenz ist relativ kernig.“ Sie sprach sich für eine datensparsame Altersprüfung per Ausweis aus und für ein Social-Media-Verbot an Schulen bis zur 9. oder 10. Klasse. Grischkat hielt dagegen, dass Kinder nicht für Versäumnisse der Gesellschaft büßen sollten – bei der Regulierung der Plattformen und der Offenlegung der Algorithmen – und erinnerte an die andere Seite: „Jugendliche haben sich mit Social Media eine Bühne geschaffen.“ Seine Forderung war eine Digitalsteuer, weil die gesellschaftlichen Kosten bei der Allgemeinheit lägen und die Gewinne bei den Plattformen.
Fazit: Die Leitfrage, wie Schutz und Teilhabe gleichzeitig zu sichern sind, blieb offen – und genau das macht die Debatte um ein Verbot so unbefriedigend.
Was tun, wenn das Publikum aus Agenten besteht?
Die Masterclass von Amazon Web Services auf der Red Stage trug genau diesen Titel und behandelte einen Markt, den es vor zwei Jahren noch nicht gab: Nicht mehr Menschen rufen die Inhalte eines Medienhauses ab, sondern KI-Systeme – und die könnten dafür bezahlen. Referent war Olivier Boder von Amazon Web Services. Vorgestellt wurde ein Modell, bei dem Medienhäuser ihre Inhalte maschinenlesbar bereitstellen und den Zugriff von KI-Agenten abrechnen, statt ihn nur zu blockieren. Dazu gehören technische Bausteine, um solche Zugriffe überhaupt zu erkennen und zu steuern.
Fazit: Ein Geschäftsmodell im Entstehen – mit der offenen Frage, ab welcher Betriebsgröße es sich für ein Medium überhaupt rechnet.
Was lief sonst noch am Mittwoch?
- „Verantwortung, Haltung, Leadership“ mit Judith Wittwer, Chefredakteurin der Süddeutschen Zeitung, Sigrun Albert, Geschäftsführerin des Verlags Nürnberger Presse, und Dr. Maria Scholl, Vorsitzende der Geschäftsführung der Austria Presse Agentur.
Kaufmännische und redaktionelle Führung rücken zusammen, weil beide auf dieselben Kennzahlen schauen. Alberts Regel lautet „Was uns nervt, automatisieren wir“, Wittwers Grenze dazu: „Aber die Entscheidung muss beim Menschen liegen.“ Bei der SZ hilft KI beim Faktencheck, Redigieren und Recherchieren, im Schreibprozess nicht. Scholl widersprach dem Bild vom Restmenschen: „Unser Handeln wird darauf beschränkt, was die Maschine noch nicht kann.“ - „Unter Beschuss – Cybersecurity als neue Kernaufgabe der Medienbranche“ mit Prof. Dr. Thomas Hess von der LMU München, Jana Heigl, Leiterin des BR24-Faktenfuchs, und Jochem Kranz, Chief Digital Officer der SDZ Druck und Medien, moderiert von Katja Modder, KPMG.
Für Medienhäuser gibt es zwei Bedrohungsebenen: die eigenen Systeme und die Echtheit des Veröffentlichten. Heigls Umkehrung ist der Satz, der hängen bleibt: Der Mensch müsse zeigen können, was echt ist, nicht was Fake ist. Kranz prägte dazu ein eigenes Bild: „Human in the Cockpit.“ - „Zurück in die Zukunft – Wer besitzt morgen die Primetime?“ mit Dr. Georg Kofler, Medienmanager und Investor, und Robin Blase, Creator und Geschäftsführer von Richtig Cool, moderiert von Aminata Belli. Kofler:
„In den nächsten 40 Jahren wird die Primetime weiter denen gehören, denen sie auch die letzten 40 Jahre gehört hat.“ Blase dagegen: „Für mich gibt es keine Primetime.“ Auf die Frage, was er heute machen würde, antwortete Kofler: „Ich würde YouTuber werden.“ - „Own the Game! Wer kontrolliert den Live-Moment?“ mit Dorothea Jacob, Vizepräsidentin Proposition & Content bei MagentaTV, Marco Hellberg, Geschäftsführer von CANAL+ Germany, Alexander Rösner, Senior Vice President Sports Editorial bei Sky Deutschland und RTL Deutschland, Haruka Gruber, Senior Vice President Media Central Europe bei DAZN, und einem Impuls von Dr. Bernd Riefler, Veed Analytics.
- Sportrechte sind knapp und teuer und bringen gleichzeitig Reichweite, Abos und Werbung. Einigkeit bestand darin, dass Rechte allein nicht genügen, sondern mit Fachkenntnis und Unterhaltung verbunden werden müssen.
- Dazu die Masterclass von Google Cloud zu KI in der Film- und Videoproduktion mit Maximilian Bender
- „Wissenschaft statt Bauchgefühl – Ist Ausgewogenheit messbar?“ mit Stefan Niggemeier und Prof. Dr. Birgit Stark
- „Rote Karte für Hass im Sport“ der BLM · „Medienpolitische Agenda 2028″ des VAUNET.
- Am Abend der Blaue Panther und die Nacht der Medien in der BMW Welt, zu der über 1.400 Gäste erwartet wurden.
Was bleibt von Tag eins?
Der Mittwoch hat die Frage gestellt, die die beiden folgenden Tage beantworten sollten, und das politisch: Wem gehören Zugang, Inhalte und Technik, und wer entscheidet darüber. Vom Ministerpräsidenten bis zur Philosophin war man sich einig, dass die Kontrolle verloren ist – und uneinig darüber, wer sie zurückholt. Für kleine Anbieter stand das Wichtigste in den beiden Studien, nicht auf der Hauptbühne. Die eine sagt, dass 85 Prozent der Häuser KI täglich einsetzen und trotzdem nur 26 Prozent Richtlinien dafür haben. Die andere sagt, dass echter Kontakt zur Redaktion das Vertrauen in eine Medienmarke auf 94 Prozent hebt, während es allgemein bei 31 Prozent liegt.
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Tag 2 Donnerstag: MEDIENTAGE MÜNCHEN 2026
Tag 3 Freitag: MEDIENTAGE MÜNCHEN 2026
Häufige Fragen
Wo fanden die MEDIENTAGE 2026 statt und wie waren sie organisiert?
Die 40. MEDIENTAGE MÜNCHEN liefen vom 21. bis 23. Oktober 2026 an vier Orten: House of Communication, Werk1.4, TECHNIKUM im Werksviertel und das Riesenrad Umadum. Mehr als 5.000 Besucher, rund 350 Referenten, über 100 Programmpunkte.
Welche Formate gab es?
Fünf Gipfel, Keynotes, Panels, Masterclasses, Meetups, Riesenrad-Talks in der Gondel, die Career-Messe Media For You für junge Leute und mehrere Preisverleihungen, darunter der Blaue Panther. Wie behält die Medienbranche die Kontrolle über ihre eigenen Grundlagen? Der Eröffnungsgipfel mit Söder, Schmiege, Giordani, Wegner, Wildermuth und Borchardt war sich einig, dass die Kontrolle über Zugang und Finanzierung verloren ist, und uneinig darüber, ob Regulierung, Kooperation oder eigene Technik sie zurückbringt.
Wer entscheidet über KI, und mit welcher Legitimation?
In ihrer Keynote „Democratizing AI – Was wir jetzt tun sollten“ nannte die politische Philosophin Annette Zimmermann die Konzentration des KI-Marktes bei wenigen US-Konzernen ein demokratisches Legitimationsproblem und sprach von einem Single Point of Failure. Ihre Forderung: echte Beteiligung statt Partizipationstheater.
Lässt sich Macht gegenüber den Tech-Konzernen zurückgewinnen?
Carole Cadwalladr, die den Cambridge-Analytica-Skandal aufdeckte und dafür persönlich verklagt wurde, forderte EU-Sanktionen gegen die Konzerne. Strafzahlungen wie der Meta-Vergleich über 17 Milliarden Dollar hält sie für zu gering.
Was macht die digitale Öffentlichkeit mit der Demokratie?
Die Runde „Demokratie unter Druck“ sah die Verantwortung nicht nur bei Plattformen und Politik, sondern auch bei den Bürgern. Albrecht von Lucke nannte den Wunsch nach Komplexitätsreduktion das Einfallstor für Manipulatoren.
Wie arbeiten Medienschaffende wirklich mit KI?
Von 118 befragten Medienschaffenden gab kein Haus an, gar keine KI zu nutzen. 85 Prozent haben mindestens ein tägliches Projekt, 7 Prozent KI als zentralen Bestandteil der Wertschöpfung. Nur 26 Prozent haben Richtlinien, nur 39 Prozent Kennzeichnungsregeln.
Was bringt Community-Arbeit messbar?
Bei Angeboten mit direktem Kontakt zur Redaktion liegt das Vertrauen in die eigene Medienmarke bei 94 Prozent, während das allgemeine Medienvertrauen in derselben Gruppe nur 31 Prozent beträgt.
Wie steht der Medienmarkt 2026 da?
Die Medienumsätze wachsen bis 2030 um 0,6 Prozent im Jahr, die Nutzung illegaler Streams hat sich seit 2018 auf 7,7 Millionen mehr als verdoppelt, 71 Prozent meiden Nachrichten mindestens gelegentlich. Die Mediennutzung bleibt bei rund 385 Minuten am Tag stabil.
Was passiert, wenn das Netz zur Waffe gegen Frauen wird?
Frauen tragen ein 33-fach höheres Risiko, Opfer sexualisierter Deepfakes zu werden. 42 Prozent der betroffenen Frauen formulieren danach vorsichtiger – ein Chilling Effect, den Ingrid Brodnig als Eingriff in die Meinungsfreiheit versteht.
Digitaler Entzug oder echter Schutz?
Die Medizinethikerin Alena Buyx nennt 11 bis 20 Prozent der Jugendlichen mit problematischer Nutzung und fordert Altersprüfung und ein Verbot an Schulen. Fabian Grischkat fordert stattdessen Regulierung der Plattformen und eine Digitalsteuer.
Was tun, wenn das Publikum aus Agenten besteht?
Die Masterclass von Amazon Web Services stellte ein Modell vor, bei dem Medienhäuser Inhalte maschinenlesbar bereitstellen und den Zugriff von KI-Agenten abrechnen, statt ihn zu blockieren. Offen bleibt, ab welcher Betriebsgröße sich das rechnet.
Was lief sonst am Mittwoch?
Leadership unter Dauerveränderung, Cybersecurity als Kernaufgabe, die Frage nach der Primetime zwischen Fernsehen und Creatorn, der Kampf um Sportrechte, eine Google-Masterclass zur Videoproduktion und am Abend der Blaue Panther in der BMW Welt.
Was bleibt von Tag eins?
Die politisch gestellte Eigentumsfrage und zwei Studien, die für kleine Anbieter mehr hergaben als die Hauptbühne: 85 Prozent setzen KI täglich ein, aber nur 26 Prozent haben Richtlinien – und echter Kontakt zur Redaktion hebt das Vertrauen von 31 auf 94 Prozent.

