Medientage München 2026 – Tag 3

von Birgit Widmann | 26, Okt., 2026 | branchen-magazin

Tag drei der MEDIENTAGE MÜNCHEN 2026: Der Abschlusstag stellt die Eigentumsfrage an die KI - und ein Philosoph gibt den Satz mit, der alles umfasst.

Dieser Beitrag ist der dritte von drei Teilen zum Programm der 40. MEDIENTAGE MÜNCHEN.

Die Eckdaten, die Orte und die Formate stehen im ersten Teil: MEDIENTAGE MÜNCHEN 2026, Tag eins. Grundlage sind das offizielle Programmheft, die Pressemitteilungen der Veranstalter und die veröffentlichte Berichterstattung.

Der Freitag war der Tag der KI und dem damit verbundenen Recht. Vormittags lief der AI Summit und eine Keynote, die Philosophie mit drei Praxisberichten verband, dazu der Europatag über den Rechtsrahmen, in dem alles andere stattfindet. Am Ende dieses Beitrags steht, was alle drei Tage verbindet.

Wem gehört die KI?

Der Abschlussgipfel trug diese Frage im Titel, mit dem Zusatz „Disruption versus digitale Souveränität“, und stellte die Eigentumsfrage auf allen Ebenen: Wem gehören die Modelle, die Rechenzentren, die Trainingsdaten – und wer trägt die Verantwortung für das, was dabei herauskommt.

Eröffnet wurde er von der bayerischen Staatsregierung, unter Mitwirkung von Philosophie, Industrie, Forschung und Politik.

Auf der Bühne:

  • Dr. Fabian Mehring, Bayerischer Staatsminister für Digitales
  • Prof. Shannon Vallor, Technologiephilosophin und Lehrstuhlinhaberin am Edinburgh Futures Institute
  • Rebecca Gottwald, Chief AI Officer bei Burda Media
  • Jörg Bienert, CEO des Center for Sovereign AI
  • Andreas Schepers, Sprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz
  • Lutz Mache, Senior Manager Government Affairs and Public Policy bei Google
  • Alexandra Geese, Abgeordnete des Europäischen Parlaments.

Mehring ordnete ein: „KI ist nicht irgendein disruptiver Technologiesprung, sondern die industrielle Revolution unserer Zeit.“ Vallor sprach über den AI Trust Gap – KI wird überall eingesetzt und gilt zugleich als wenig vertrauenswürdig – und beschrieb die Zwickmühle: Ohne KI-Strategie verlieren Organisationen Kompetenz, mit einer KI-zuerst-Strategie verlieren sie Akzeptanz; menschliche Kontrolle reiche oft nicht aus, weil Menschen beim Auslagern kognitiver Arbeit Fähigkeiten einbüßen.

Gottwald stellte mit Aissist eine hauseigene Plattform vor, die alle KI-Funktionen für die Mitarbeitenden in einem Zugang bündelt. Bienert und Schepers warben für Soofi, eine Initiative für quelloffene europäische Basismodelle. Mache verwies auf 2,5 Milliarden US-Dollar Google-Investitionen in Forschung, Entwicklung und Rechenzentren und auf 880 lizenzierte Publikationen im Rahmen des Leistungsschutzrechts. Geese forderte, nicht Ausnahmeregeln für Medien zu schaffen, sondern das Prinzip interaktionsoptimierender Algorithmen abzuschaffen.

Fazit: Europa diskutiert eigene Modelle und eigene Infrastruktur, während die praktische Abhängigkeit von amerikanischen Anbietern im selben Saal vorgeführt wurde.

Was passiert zwischen Kontrollverlust und Best Practice?

Die zweite Keynote des Freitagvormittags trug genau diesen Titel, verband Philosophie mit drei Praxisberichten und war der eindringlichste Programmpunkt dieser Tage. Es ging um die Versuchung, Entscheidungen an Algorithmen abzugeben, und um die Frage, wo dabei die Verantwortung bleibt.

Auf der Bühne:

  • Prof. Dr. Godehard Brüntrup, Philosoph, lehrt in München und an der Saint Louis University, Verfasser der Einführung zur deutschen Ausgabe der KI-Enzyklika „Magnifica Humanitas“
  • Yves Bellinghausen, Autor der ZEIT
  • Fabian Pleye, Geschäftsführer des IT-Beratungsunternehmens Transcide
  • Tim Philipp, Innovation Manager im SWR X Lab.

Brüntrup warnte: „Wenn der Mensch zunehmend ‚denken lässt‘, neigen auch gesellschaftliche Debatten dazu“, und verlangte von Mediengestaltenden Geschichten, „die das Gewissen berühren und notfalls entlarven“. Sein Bild: „Schauen Sie nicht bloß auf die Schwerter, sondern auf die Hand, die sie führt.“

Bellinghausen berichtete von seinem digitalen Doppelgänger, trainiert mit hundert Stunden eigenem Interviewmaterial, der teils strukturierter und schneller arbeitete als er selbst – mit drei Schlüssen: Er wurde zum Assistenten seiner eigenen KI, er fürchtete sein Handwerk zu verlernen, und er hält menschliche Arbeit für wertvoller: „Es zählt mehr, wenn ein Mensch das gemacht hat und nicht eine Maschine.“

Pleye zeigte ein Datenprojekt für Oberpfalz Medien, Philipp das Lernspiel „Promptables“, das sichtbar macht, wie kleine Änderungen an einer Eingabe das Ergebnis verändern.

Fazit: Die Technik funktioniert besser als erwartet, und genau das ist das Problem, weil die Urteilskraft und Fähigkeiten  derer schwindet, die sie beaufsichtigen sollen.

Was brauchen faire Plattformregeln?

Der Europatag der BLM und des Instituts für Europäisches Medienrecht eröffnete mit „Faire Plattformregeln – starke Medien für die Demokratie“ und behandelte den Rechtsrahmen, in dem alles andere stattfindet. Thema waren die Reform der Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste, der Digital Omnibus, der Jugendschutz und die Finanzierung journalistischer Inhalte.

Auf der Bühne:

  • Dr. Thorsten Schmiege, Präsident der BLM
  • Manuel Knoll, Bayerischer Staatsminister für Jugend und Demokratie
  • Renate Nikolay, stellvertretende Generaldirektorin der Generaldirektion Kommunikationsnetze, Inhalte und Technologien der Europäischen Kommission
  • Prof. Dr. Mark D. Cole, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Europäisches Medienrecht

Nikolay drängte auf Tempo: „Wir brauchen ein intelligentes, smartes Regelwerk – und zwar sofort“, denn „Stillstand ist nicht möglich in dieser disruptiven Phase.“ Knoll forderte eine starke Richtlinie, wirksamen Jugendschutz, klare Regeln zur Auffindbarkeit journalistischer Angebote und ein gestärktes Urheberrecht mit Blick auf KI-Training; zugleich warnte er vor Cookie-Regeln, die kleineren Medien die Finanzierung erschweren. Cole fragte, wie gemeinsame europäische Regeln mit föderalen und kulturellen Besonderheiten vereinbar bleiben.

Fazit: Einigkeit, dass Europa schneller werden muss, und keine Einigkeit darüber, wie viel Einheitlichkeit die Mitgliedstaaten vertragen.

Reichen neue Regeln, oder fehlt die Durchsetzung?

Die Fortsetzung des Europatags unter dem Titel „AVMD-RL, Digital Omnibus und die Zukunft der Medienregulierung“ holte die Betroffenen an den Tisch: einen privaten Sender, einen Streamingdienst, die Aufsicht und die Kommission.

Auf der Bühne:

  • Dr. Michael Müller, Chief Officer Regulatory Affairs bei ProSiebenSat.1 Media
  • Inga Moser von Filseck, Head of Media Policy für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Amazon Prime Video
  • Dr. Tobias Schmid, Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen und Europabeauftragter der Direktorenkonferenz
  • Renate Nikolay, Europäische Kommission

Müller brachte das Thema Auffindbarkeit auf den Punkt: „Ohne Auffindbarkeit und ohne angemessene Präsentation können wir so viel in Content investieren, wie wir wollen.“ Moser von Filseck verlangte: „Gleichwertige Angebote müssen auch entsprechend gleichwertig reguliert werden.“ Schmid benannte das eigentliche Problem: „Dieses Durchsetzungsdefizit ist das, was wir jetzt lösen müssen.“ Nikolay ergänzte, es helfe „nicht nur Regulierung“, gefragt sei auch die Innovationskraft der Branche.

Fazit: Nicht das Fehlen von Regeln ist das Problem, sondern dass die bestehenden nicht durchgesetzt werden.

Was macht einen gesunden Informationsraum aus?

Diese Runde unter dem Titel „Medienvielfalt, Medienkompetenz, Medienförderung“ fragte, was eine Gesellschaft braucht, damit verlässliche Information überhaupt entstehen und ankommen können – und wer bezahlt dafür. Es war die Session mit den konkretesten Zahlen zur europäischen Medienförderung.

Auf der Bühne:

  • Prof. Dr. Alexandra Borchardt, Medienforscherin
  • Christian Mangold, Generaldirektor der Generaldirektion Kommunikation des Europäischen Parlaments
  • Maria Exner, Intendantin von Publix, dem Berliner Haus für Journalismus und Öffentlichkeit
  • Moderation: Jan Diesteldorf, Brüssel-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung.

Borchardt widersprach dem Gerede vom allgemeinen Vertrauensverlust: Das Medienvertrauen in Deutschland liegt stabil bei rund 46 Prozent, die öffentlich-rechtlichen Anbieter haben die höchsten Werte – „Es ist kein Zufall, dass die Öffentlich-Rechtlichen im Zentrum der Angriffe sind.“ Mangold verwies auf den Zusammenhang von sinkendem Vertrauen und Angreifbarkeit: „Das macht uns verwundbar gegenüber Akteuren von außen.“ Exner empfahl, Medien als öffentliches Gut zu behandeln und das Publikum an Recherchen zu beteiligen.

Zur Förderung: Die EU-Mittel für Medien sollen auf rund acht Milliarden Euro steigen, das sind 0,43 Prozent des EU-Haushalts; Borchardt riet, Infrastruktur zu fördern – Forschung, IT, KI, Cybersicherheit, Ausbildung – statt einzelne Häuser, und ergänzte: „Publikumsfinanzierung bleibt der beste Qualitätsbeweis.“

Fazit: Geld von außen kann Strukturen stützen, aber die Finanzierung durch das eigene Publikum bleibt der härteste Qualitätsnachweis.

Wie bleiben journalistische Angebote sichtbar?

So lautete die Leitfrage der Session „Feed. Vielfalt? Wüste!“. Anlass war die Anhörung zum Digitale-Medien-Staatsvertrag, und die BLM hatte dafür TikTok und einen regionalen Verlag an denselben Tisch geholt.

Auf der Bühne:

  • Dr. Thorsten Schmiege, Präsident der BLM
  • Markus Knall, Ippen.Media
  • Melanie Ohnemus-Springmann, TikTok

Schmiege: „Heute bestimmen Algorithmen, was wir sehen“, deshalb brauche es „faire Regeln, damit verlässliche Informationen sichtbar bleiben“ – zugleich solle weder der Staat noch eine Plattform vorgeben, was Menschen lesen. Knall führte das Pfund des Lokaljournalismus ins Feld: „Lokalmedien haben etwas, das Social Media oft fehlt: das Vertrauen der Menschen.“ TikTok verwies auf die Interessen der Nutzenden im For-You-Feed und lehnte Quoten ab: „Verordnete Quoten auf digitalen Plattformen sind dagegen nicht zielführend.“

Fazit: Für regionale Anbieter ist Sichtbarkeit in sozialen Netzwerken eine politische Frage geworden – und die Plattform sitzt bei der Antwort mit am Tisch.

Medienmarken oder Medienköpfe – wer gewinnt das Vertrauen?

Aufgezeichnet als Live-Ausgabe des Deutschlandfunk-Podcasts „Nach Redaktionsschluss“. Die Frage: Folgen Menschen künftig einzelnen Journalistinnen und Journalisten statt Medienmarken – und was heißt das für Verlage?

Auf der Bühne:

  • Dr. Melanie Amann, Chefredakteurin Digital der Funke Zentralredaktion
  • Lea Thies, Leiterin der Günter-Holland-Journalistenschule der Augsburger Allgemeinen
  • Thomas Hinrichs, Programmdirektor Information des Bayerischen Rundfunks

Amann lehnte den Markenbegriff für sich ab: „Letztlich bin ich eine Journalistin, die es geschafft hat, auf verschiedenen Ausspielwegen durchzudringen“, und riet dem Nachwuchs: „Werdet doch erst mal Journalist.“ Thies sah es ähnlich, hielt Transparenz über die eigene Arbeit aber für einen Vorteil: „Letztlich geht es um Sichtbarkeit.“ Hinrichs erinnerte daran, wofür Plattformen gebaut sind: „TikTok gibt es nicht, damit die 16-Jährigen wissen, was bei der Europawahl zur Debatte steht.“ Thema war außerdem der Schutz junger Journalistinnen und Journalisten vor Hetze; die Journalistenschule bietet dafür Resilienztrainings an.

Fazit: Personen tragen Reichweite, aber die Grundlage bleibt in jedem Fall der Journalismus.

Wie gefährdet sind Spielgemeinschaften?

Die Session „Gaming und Extremismus – Zwischen Community, Kultur und Radikalisierung“ lag abseits der Branchenökonomie, dafür nah an der Lebenswirklichkeit junger Nutzer. Es ging darum, wie Spielgemeinschaften Zusammenhalt stiften und gleichzeitig als Einstiegstor für Extremisten dienen.

Auf der Bühne:

  • Marylin Marx, Teamleiterin Lead Community Management bei Webedia
  • Lars Wiegold, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fachstelle Extremismusdistanzierung Baden-Württemberg
  • Mick Prinz, Projektleiter von Good Gaming Support der Amadeu Antonio Stiftung

Marx: „Gaming verbindet“ – und genau diese Gemeinschaftsstärke diene zugleich „als Einfallstor für Extremisten“; Anbieter könnten nur handeln, wenn Nutzer melden. Prinz sprach vom Vorgehen „gegen das toxische Grundrauschen im Gaming“ und nannte Fragen zur Früherkennung: „Was für Debatten guckt ihr euch an? Was sind eure Vorbilder?“ Wiegold hob das demokratische Potenzial von Spielen hervor: „Wir müssen diese Potenziale in der pädagogischen Praxis nutzen.“

Fazit: Moderation und Medienkompetenz wirken dort, wo junge Menschen tatsächlich sind – und das ist nicht die Tagesschau.

Was lief sonst am Freitag?

Journalism Summit „Own your responsibility“ zum Abschluss, mit Dr. Melanie Amann, Maria Exner und Dirk von Gehlen vom SZ Institut · „The Impossibility of Free Journalism“ mit dem marokkanischen Journalisten Omar Radi und Hakan Tanriverdi über Einschüchterung und Pegasus-Spyware

„AI-Native Media Companies“ und „Vertrauenswürdige Inhalte“ zum KI-Einsatz im Redaktionsalltag, unter anderem mit Victorina Demirel von Schibsted · „Ban or Educate“ zu Radikalisierung in sozialen Netzwerken

der MachDeinRadio-Star für Schul-, Campus- und Jugendradios im TECHNIKUM, verliehen von BLM-Geschäftsführerin Dr. Annette Schumacher an Teilnehmende zwischen sechs und 25 Jahren.

Was verbindet alle Themen der drei Tage?

Es gibt einen gemeinsamen Nenner, den bereits das Motto wiedergab: „Own it!“ war die eigentliche Frage aller drei Tage: Wem gehört was – und wer entscheidet. Diese Frage wurde auf vier Ebenen gestellt. Wem gehört die Technik, auf der Medien arbeiten? Wem gehören die Inhalte, mit denen Maschinen trainiert werden? Wem gehört der Zugang zum Publikum, wenn ein Algorithmus ihn vermittelt? Und wer trägt die Verantwortung für eine Entscheidung, die eine Maschine getroffen hat?

Bemerkenswert war, dass aus sehr verschiedenen Ecken dieselbe Antwort kam. Die Intendantin eines Senders, eine Medienforscherin, ein Lokalverleger, die Geschäftsführerin eines Radiosenders und die Chefredakteurin eines Digitalressorts formulierten unabhängig voneinander denselben Gedanken:

Was sich nicht verlagert, ist die direkte Beziehung zum Publikum – und das Vertrauen, das daraus entsteht.

Die zweite Linie zieht sich durch alle KI-Sessions, und sie lässt sich an vier Sätzen festmachen. Eine Technikphilosophin sagte, die menschliche Kontrolle reiche nicht aus. Eine Politikexpertin sagte, agentische KI sei keine technische, sondern eine organisatorische Frage. Ein Philosoph sagte, man solle auf die Hand schauen, die das Werkzeug führt. Und ein Journalist mit Selbstversuch sagte, er sei zum Assistenten seiner eigenen Maschine geworden.

Vier Leute aus vier Richtungen, ein Ergebnis: Die Kontrolle lässt genau dann nach, wenn man sich auf sie verlässt.

Was bedeuten die drei Tage für den Medienmarkt?

Die Abhängigkeit von wenigen Plattformen ist kein Nebenthema mehr, sondern das wirtschaftliche Kernproblem. Ein Viertel des Traffics eines großen Wochenblatts kommt von einer Suchmaschine. 61 Prozent der befragten Medienhäuser nutzen mindestens ein KI-Angebot eines Big-Tech-Konzerns, europäische Modelle spielen kaum eine Rolle. Und Lizenzdeals mit KI-Anbietern nützen vor allem den großen Häusern. Dazu kommen die Zahlen aus dem Trendvortrag, die den Druck erklären: Die Medienumsätze wachsen bis 2030 um 0,6 Prozent im Jahr, die Nutzung illegaler Streams hat sich seit 2018 auf 7,7 Millionen Menschen mehr als verdoppelt, 71 Prozent der Onlinenutzer meiden Nachrichten mindestens gelegentlich, und der Anteil derer, die sie oft meiden, hat sich seit 2019 verdreifacht. Die Zeit, die Menschen mit Medien verbringen, ist dagegen stabil – rund 385 Minuten am Tag. Es wird also nicht weniger genutzt, sondern anders.

Die Lösungsansätze, die genannt wurden, sind drei: Kooperation zwischen Häusern, die bisher Wettbewerber waren – beim TV-Gipfel bis zum Schlagwort Sharing is caring. Durchsetzung der Regeln, die es längst gibt; das Wort vom Durchsetzungsdefizit fiel auf dem Europatag. Und eigene Infrastruktur, von europäischen Basismodellen bis zu hauseigenen KI-Plattformen.

Für kleine und regionale Anbieter war die wichtigste Zahl die unauffälligste: 21 profitable europäische Medien-Start-ups, die ihr Publikum direkt binden. Klein zu sein ist auf diesem Markt kein Ausschlusskriterium. Der Nachteil liegt woanders, nämlich beim Zugang zu Lizenzerlösen und zu Fördermitteln.

Was bedeutet das für den Einzelnen?

Wer alleine oder zu zweit ein Medium betreibt, hat aus diesen drei Tagen eine gute und eine schlechte Nachricht mitgenommen. Die gute steht in einer Studie, die am Mittwoch fast untergegangen ist. Bei Angeboten mit echtem, direktem Kontakt zur Redaktion liegt das Vertrauen in die eigene Medienmarke bei 94 Prozent – in derselben, medienkritischen Gruppe, deren allgemeines Medienvertrauen nur 31 Prozent beträgt. Das belegt aus drei Tagen, dass Nähe kein Beiwerk ist. Lokale Relevanz, erkennbare Personen und ein erreichbarer Mensch am anderen Ende sind nicht die Reste eines alten Geschäfts, sondern dessen härteste Währung. Die schlechte: Die Urteilskraft, die man zum Beaufsichtigen von Maschinen braucht, verschwindet durch deren Benutzung. Das gilt nachweislich auch für erfahrene Fachleute. Und die Zahlen dazu sind auffällig konkret – Agenten lösen in Minuten, was Menschen siebzehneinhalb Stunden kostet, aber nur zu 50% richtig. Daraus folgt kein Verzicht, sondern eine Auswahl. Die Frage lautet nicht, ob man KI benutzt, sondern für welche Aufgabe und wie.

Und was bedeuten sie für die KI selbst?

Künstliche Intelligenz ist in diesen drei Tagen vom Zukunftsthema zum Betriebsmittel geworden. Sie stand nicht mehr als eigener Tagesordnungspunkt da, sondern war fester Bestandteil in fast jeder Session, vom Fernsehgipfel bis zur Gaming-Runde. Die Dachzeile über der zentralen Studie sagt es in vier Wörtern: KI ist da. Echte Transformation bleibt aus. Damit haben sich die Fragen verschoben. Nicht mehr: Was kann die Technik? Sondern: Was kostet sie, ab wann rechnet sie sich, wer haftet für ihre Ausgaben, und wem gehören die Daten, mit denen sie gebaut wurde. Dass die Antworten fehlen, ist belegbar: Nur 26 Prozent der befragten Häuser haben umfassende KI-Richtlinien, und nur 39 Prozent klare Regeln für die Kennzeichnung – bei einer Kennzeichnungspflicht, die seit dem 2. August 2026 gilt.

Die auffälligste Lücke in der Themenwahl ist der Ressourcenverbrauch. Die Keynote-Rednerin des ersten Tages forderte ausdrücklich, Ressourcenverbrauch und Arbeitsbedingungen in der KI-Industrie stärker zu thematisieren. In den Branchensessions kam dieser Punkt kaum vor. Und ein Satz blieb hierzu als Ergebnis der drei Tage stehen, formuliert von einem Philosophen am Freitagvormittag: Schauen Sie nicht bloß auf die Schwerter, sondern auf die Hand, die sie führt.

Tag 1: MEDIENTAGE MÜNCHEN 2026

Tag 2: MEDIENTAGE MÜNCHEN 2026

Mein persönliches Resümee der drei Tage steht in einem eigenen Beitrag: Drei Tage, drei Versuche, eine Frage.

Häufige Fragen

Wem gehört die KI?
Der AI Summit stellte die Eigentumsfrage für Modelle, Rechenzentren und Trainingsdaten. Europa diskutierte eigene Basismodelle und eigene Infrastruktur, während die praktische Abhängigkeit von amerikanischen Anbietern im selben Saal vorgeführt wurde.

Was passiert zwischen Kontrollverlust und Best Practice?
Der Philosoph Godehard Brüntrup und der ZEIT-Autor Yves Bellinghausen beschrieben dasselbe von zwei Seiten: Die Technik funktioniert besser als erwartet, und genau deshalb schwindet die Urteilskraft derer, die sie beaufsichtigen sollen.

Was brauchen faire Plattformregeln?
Der Europatag forderte ein einfacheres, schnelleres Regelwerk. Renate Nikolay von der EU-Kommission: Wir brauchen ein intelligentes, smartes Regelwerk, und zwar sofort. Offen blieb, wie viel Einheitlichkeit die Mitgliedstaaten vertragen.

Reichen neue Regeln, oder fehlt die Durchsetzung?
Nach dieser Runde fehlt die Durchsetzung. Tobias Schmid von der Landesanstalt für Medien NRW nannte das Durchsetzungsdefizit das Problem, das jetzt zu lösen sei.

Was macht einen gesunden Informationsraum aus?
Vielfältige Medien, freier Zugang zu verlässlicher Information und medienkompetente Bürger. Das Medienvertrauen in Deutschland liegt stabil bei rund 46 Prozent. Die EU-Medienmittel sollen auf rund acht Milliarden Euro steigen, das sind 0,43 Prozent des EU-Haushalts.

Wie bleiben journalistische Angebote sichtbar?
Darüber stritten die BLM, der regionale Verlag Ippen.Media und TikTok. Für regionale Anbieter ist Sichtbarkeit in sozialen Netzwerken eine politische Frage geworden – und die Plattform sitzt bei der Antwort mit am Tisch.

Medienmarken oder Medienköpfe – wer gewinnt das Vertrauen?
Personen tragen Reichweite, aber die Grundlage bleibt der Journalismus. Melanie Amanns Rat an den Nachwuchs: Werdet doch erst mal Journalist.

Wie gefährdet sind Spielgemeinschaften?
Gaming stiftet Zusammenhalt und ist zugleich ein Einfallstor für Extremisten. Moderation und Medienkompetenz wirken dort, wo junge Menschen tatsächlich sind.

Was lief sonst am Freitag?
Der Journalism Summit zum Abschluss, ein Gespräch über Einschüchterung von Journalisten und Pegasus-Spyware, Sessions zu KI-nativen Medienhäusern und vertrauenswürdigen Inhalten sowie die Verleihung des MachDeinRadio-Star an junge Radiotalente.

Was verbindet alle Themen der drei Tage?
Die Eigentums- und Kontrollfrage: Wem gehören Technik, Inhalte und der Zugang zum Publikum, und wer verantwortet maschinelle Entscheidungen. Aus sehr verschiedenen Häusern kam dieselbe Antwort: Was bleibt, ist die direkte Beziehung zum Publikum.

Was bedeuten die drei Tage für den Medienmarkt?
Die Abhängigkeit von Plattformen ist das wirtschaftliche Kernproblem: 61 Prozent der befragten Häuser nutzen mindestens ein KI-Angebot eines Big-Tech-Konzerns. Genannt wurden drei Wege: Kooperation zwischen Wettbewerbern, Durchsetzung bestehender Regeln und eigene Infrastruktur.

Was bedeuten sie für den Einzelnen?
Bei Angeboten mit direktem Kontakt zur Redaktion liegt das Vertrauen in die eigene Medienmarke bei 94 Prozent, während das allgemeine Medienvertrauen in derselben Gruppe nur 31 Prozent beträgt. Zugleich schwindet die Urteilskraft derer, die das Denken auslagern – auch bei erfahrenen Fachleuten.

Und was bedeuten sie für die KI selbst?
KI ist vom Zukunftsthema zum Betriebsmittel geworden, aber nur 26 Prozent der Häuser haben umfassende Richtlinien und nur 39 Prozent klare Kennzeichnungsregeln. Der Ressourcenverbrauch kam in den Branchensessions kaum vor.

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