Dienstag, 20. Oktober 2026, 19 Uhr, Schafstall in Dießen am Ammersee, ein Nebengebäude der Klosterkirche. Eingeladen hatte die KAB-Ortsgruppe im Rahmen der Pfarreiengemeinschaft. Auf dem Programm stand ein Thema, das man in einem Nebengebäude einer Klosterkirche nicht als Erstes vermutet: künstliche Intelligenz. Passend gewählt – denn am nächsten Tag begannen in München die MEDIENTAGE, drei Tage lang, mit über 350 Referenten und dem Motto „Own it!“.
Wer sprach an diesem Abend?
Drei Männer, aus drei verschiedenen Fachbereichen:
Erwin Helmer, Diakon und Betriebsseelsorger, stellte das päpstliche Schreiben vor. Er arbeitet seit vierzig Jahren in Betrieben, vor allem in Augsburger Unternehmen, und man merkte, dass er das Thema aus seiner Praxis kennt.
Tim Bücher, IT-Fachmann, in Dießen aufgewachsen und seit fünfzehn Jahren in München, lieferte die technische Sichtweise. Er beschrieb sich selbst als einen von denen, die „ganz viel unten im Keller rumlaufen“ und Kabel anstecken, und stellte gleich zu Beginn klar, er würde sich nicht als KI-Experten bezeichnen.
Alois Kramer, Journalist moderierte und brachte die Sicht des Anwenders ein. Er erzählte, wie er Polizeimeldungen umschreibt, die immer in der falschen Reihenfolge ankommen.
Was steht in der Enzyklika?
Es geht eingangs um „Magnifica humanitas„, die erste Enzyklika von Papst Leo XIV., unterzeichnet am 15. Mai 2026, vorgestellt am Pfingstmontag im Vatikan. Der Untertitel lautet „Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“.
Der erste Teil der 140 Seiten enthält sechs Prüfkriterien, die laut Helmer für alles gelten, was im gesellschaftlichen Leben stattfindet: die Würde des Menschen, das Gemeinwohl, die allgemeine Bestimmung der Güter, die Subsidiarität, die Solidarität und die soziale Gerechtigkeit. Beim dritten Punkt wurde er konkret, und das ist derselbe Punkt, der eine Woche später in München die Keynote trug: „Das heißt, wie ist es mit der Verteilung zwischen Arm und Reich? Wird es noch schlimmer als vorher?“ Die Subsidiarität übersetzte er für den Saal mit Demokratie: Gesellschaft baue sich von unten auf, und die untere Ebene müsse immer mitreden dürfen.
Was kann eine Maschine nicht?
Helmer las sie vor: „Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht vom Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet.“ Und weiter: Sie hätten kein moralisches Gewissen, unterschieden nicht zwischen Gut und Böse, erkennten nicht den eigentlichen Sinn von Situationen und nähmen die Last der Konsequenzen nicht auf sich. Sie könnten Empathie simulieren, also so tun als ob, aber sie verstünden nicht, was sie damit bewirken.
Die Definition ist nüchtern: KI sei ein Werkzeug und eine statistische Anpassung. Helmer ergänzte, was das praktisch heißt: „der Algorithmus, der schaut immer, was wird am häufigsten genannt. Und so wird es dann, werden dann Entscheidungen getroffen.“ Daraus folgt ein Satz über Fehler, den ich mir aufgeschrieben habe, weil er die ganze Differenz zwischen Mensch und Maschine in zwei Zeilen fasst: „Für einen Algorithmus ist ein Fehler etwas, das korrigiert werden muss. Für einen Menschen kann er der Beginn einer tiefgreifenden Veränderung sein.“ Helmers eigene Folgerung war keine Technikfeindlichkeit, im Gegenteil: „Technik weiterentwickeln, ohne das Herz dabei verkümmern zu lassen.“
Wer bezahlt den Preis dafür?
Das sind die Arbeiten hinter dem System, die keiner kennt: von der stillen Arbeit von Millionen Menschen, die mit wenig sichtbaren, aber unverzichtbaren Tätigkeiten beschäftigt seien: Datenbeschriftung, Moderation von Inhalten „oftmals der schlimmsten Art“ und Modelltraining. Es seien zumeist junge Frauen, für einen Mindestlohn, vor allem in Ländern, die zuarbeiten. An dieser Stelle kam eine Stimme vor, die ich erst durch den Youtube Video zur Pressekonferenz des Papstes zuordnen konnte. Helmer sprach von „Prof. Léocadie Wabo Lushombo, Theologin aus der Demokratischen Republik Kongo (ab Stunde / minute 01:02), die theologische Ethik an der Jesuit School of Theology der Santa Clara University lehrt. Ihr Argument, wie Helmer es wiedergab: „Die Kolonialisierung kommt über uns, sie zwingt uns Dinge auf, unsere Freiheit und Denkfähigkeit wird unterdrückt und das kann künstliche Intelligenz mit uns machen, wenn wir ihr diese Macht geben. Wenn wir sie nicht kontrollieren, lassen wir uns kolonisieren.“
Was sagt die Technik dazu?
Tim Bücher brachte Zahlen mit. Nach seinen Angaben nutzen bereits 53 Prozent der Bevölkerung KI, für das kommende Jahr werde eine Billion Euro Investition in die Branche erwartet, und in seinem Arbeitsalltag koste dieselbe Ausrüstung heute das Drei- bis Vierfache wie vor zwei Jahren. Seine erste Kernaussage war: „Als allererstes sagt der Papst in seiner Enzyklika eben: Die KI ist nicht neutral.“ Denn was eine KI ausgibt, stammt aus Daten – und ob diese Daten das Problem überhaupt erfassen und die Menschlichkeit dahinter verstehen, bezweifelten an diesem Abend beide Referenten. Bücher nannte die beiden Unternehmen, die den Standard gesetzt haben, und stellte die Frage, die daran hängt: Was ist meine Arbeit heute noch wert? „Die Herausforderung ist eigentlich gar nicht technologisch, sondern da geht es ums Menschliche.“ Ich habe an dieser Stelle gefragt, ob eine KI eigentlich nur das herausgibt, was man hineingibt. Büchers Antwort war ein Kürzel aus seinem Arbeitsalltag: „Ich hab dem irgendwann mal den Namen SISO gegeben, also S-I-S-O.“ Dieselbe Frage habe ich später der KI selbst gestellt.
Was sie darauf geantwortet hat, steht in meinem Bericht von den MEDIENTAGEN: Drei Tage, drei Versuche, eine Frage – mein Resümee zu den MEDIENTAGEN MÜNCHEN 2026. Und dann der praktische Teil: Es gebe einen unglaublichen qualitativen Unterschied, je nachdem, wie die Frage formuliert sei und welche Anforderungen man stelle. Wer nur sage, mach mir eine Präsentation, bekomme etwas Erfundenes. Wer den Zusammenhang mitgebe, bekomme etwas Brauchbares.
Wem gehören die Daten, die ich hergebe?
Die Fragen in der offenen Runde im Saal hatten nichts mit der Technik zu tun. Ein Kollege habe ihm erzählt, dass seine Tochter, vierte Klasse, sich morgens mit dem Handy vor den Spiegel stellt, ein Foto macht und ChatGPT fragt, was sie heute anziehen soll. „Wem gehören die Daten auch in diesem Zusammenhang? Wenn ich so ein Foto mache, wo geht das hin?“ Bücher zog daraus eine Regel: Einzelne Informationen verraten wenig. Gefährlich werde es, wenn sie kombiniert werden. „Besonders gefährlich wird es einfach, wenn diese Informationen kombiniert und darüber genauere Profile erstellt werden können.“ Von Alois Kramer kam die Frage aus der anderen Richtung. Warum sind E-Mail-Dienste eigentlich kostenlos? Seine Antwort lautete, weil sich über deren Nutzung Profile erstellen lassen – und er belegte es mit sich selbst. Er lese gern Partituren, schaue ab und zu danach, und bekomme seither Angebote für Partituren, die er kaufen könnte. Das sei vor zehn Jahren schon so gewesen.
Warum kam der Abend bei den Schockanrufen heraus?
Eine Frau aus dem Publikum stellte die Frage, auf die anscheinend der ganze Saal gewartet hatte: Was kann ein Normalbürger überhaupt tun, um sich zu schützen? Diese Frage zeigte die Ängste und Sorgen des Publikums. Es ging um Anrufe, bei denen eine vertraute Stimme um Geld bittet. Kramer berichtete aus den Polizeimeldungen seiner Region: Starnberg und Fürstenfeldbruck seien die Spitzenreiter, und es gehe nicht um ein paar tausend Euro. „Da geht es um 50.000 Euro, 100.000 Euro, 20.000 Euro. Und so absurde Geschichten, wie geben Sie Schmuck und Bargeld und Goldbarren in einen Kochtopf und den stellen Sie vor die Türe.“ Eine Frau beschrieb ihr Erleben: „Die Stimme war sowas von echt. Kramer ergänzte den Fall einer Bekannten, die eine caritative Einrichtung leitet und ein Heer von Mitarbeitern führt. Sie habe nicht bezahlt, aber sie sei so unter Druck geraten, dass sie nicht mehr klar habe handeln können. Sein Einwand gegen alle gut gemeinten Empfehlungen: Es sei etwas anderes, in Ruhe über Ratschläge zu sprechen, als die Situation zu erleben.
Was hilft hier am Telefon?
Büchers Rat war: Erstens zurückfragen, und zwar konkret: Was für ein Unfall? Was ist passiert? Und dann prüfen, ob die Antwort stimmig ist. „Stimmt es überhaupt, was ich da als Antwort bekomme? Ist es stimmig? Klingt es menschlich?“ „Sobald die kleinsten Unstimmigkeiten dabei entstehen, brechen Sie das Gespräch ab.“ Auflegen nehme einem im seltensten Fall jemand übel. Und wer digital und am Telefon mit einer Prise Skepsis unterwegs sei, könne im persönlichen Umgang umso mehr Vertrauen aufbringen. Helmer ergänzte das um den seelsorgerlichen Teil. Man solle sofort die betreffende Person anrufen und jemanden im Umfeld erreichen. Und: „Man darf misstrauisch sein. Misstrauisch sein kann man vielleicht lernen, bei solchen Dingen grundsätzlich auch einfach misstrauisch zu sein, ohne die große Angst.“ Dazu sein Dank an die beiden: „Gut, dass Sie das heute erzählen, weil wer erzählt das sonst?“
Reichen die Regeln?
Nein, war die einhellige Antwort, und zwar aus zwei Richtungen. Kramer hielt die Kennzeichnung von KI schlicht für zu schwach. Eine Teilnehmerin sagte, ihr gehe das alles zu langsam, und formulierte eine Sorge, die ich seit den Medientagen öfter höre: „Also in meinem Leben kommt immer mehr: Wo ist die KI schon in meinem Leben und ich weiß es gar nicht.“ Bücher hielt dagegen, dass Deutschland beim Datenschutz eine Vorreiterrolle habe und er um dessen Möglichkeiten kein anderes europäisches Land beneide – auch wenn das Wort inzwischen einen schlechten Klang habe. Helmer erinnerte an die europäische Ebene und daran, wo es hakt: In Brüssel werde erarbeitet und beschlossen, aber bei Richtlinien müssten die Länderparlamente erst zustimmen und umsetzen, und da machten viele nicht mit.
Was bleibt von diesem Abend?
Kramers Schlusssatz drehte die Frage um, mit der der Abend begonnen hatte: „Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht, ob Maschinen eines Tages so intelligent werden wie Menschen. Vielleicht sollten wir viel mehr fragen, wie wir Menschen unsere eigene Intelligenz gebrauchen wollen, wenn uns immer leistungsfähigere Maschinen zur Verfügung stehen.“ Und dazu, fast beiläufig: Jeder Mensch sei ein System von Erfahrung, das nicht von einem Computer ersetzt werden könne. Helmer schloss dort, wo er beruflich tätig ist, nämlich in den Betrieben. Dort werde um jeden Arbeitsplatz gekämpft, um Umschulungen und darum, KI so zu nutzen, dass eher Arbeitsplätze entstehen, statt ganze Bereiche stillzulegen, ohne auf die Menschen Rücksicht zu nehmen.
Ich habe zwei Dinge mitgenommen: Erstens, die Beobachtung des Publikums: Fast jeder im Saal nutzt diese Werkzeuge längst, und fast keiner sagt es gerne. Genau dasselbe Bild zeigte eine Woche später eine Studie auf den MEDIENTAGEN, bei der von 118 befragten Medienschaffenden kein einziges Haus angab, gar keine KI zu nutzen. Alle machen es, niemand redet gern darüber.
Die zweite Erkenntnis: KI lässt sich im Guten wie im Schlechten nutzen, und darüber muss man sich im Klaren sein. Nicht das Werkzeug bestimmt, was daraus wird, sondern der Mensch. Nur gehört dazu ein zweiter Teil, den die Fragen zu den Enkelanrufen beantwortet haben: Das Werkzeug entscheidet zwar nicht, aber es verführt vielleicht, weil es günstig ist. Den Enkeltrick gab es vor dreißig Jahren auch. Neu ist, dass eine Stimme zu fälschen heute nichts mehr kostet. Der Mensch entscheidet über die einzelne Tat, die Technik über die Häufigkeit.
Der Video auf Youtube – zur Pressekonferenz
und danach
Selbstversuch KI – der Journalist der sich selbst ersetzte und was dabei rauskam
mein Blick auf die Medientage München
Häufige Fragen
Wer sprach an diesem Abend?
Erwin Helmer, Diakon und Betriebsseelsorger, stellte die Enzyklika vor. Tim Bücher, IT-Fachmann aus Dießen, brachte die technische Sicht ein. Alois Kramer moderierte und steuerte die Perspektive des Anwenders bei. Eingeladen hatte die KAB-Ortsgruppe Dießen, rund fünfzig Personen kamen.
Was steht in der Enzyklika?
„Magnifica humanitas“ ist die erste Enzyklika von Papst Leo XIV., unterzeichnet am 15. Mai 2026, Untertitel „Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“. Sie umfasst rund 140 Seiten und enthält sechs Prüfkriterien: Würde des Menschen, Gemeinwohl, allgemeine Bestimmung der Güter, Subsidiarität, Solidarität und soziale Gerechtigkeit.
Was kann eine Maschine nicht?
Nach dem Text des Schreibens: Erfahrungen machen, Freude oder Schmerz empfinden, in Beziehungen reifen, zwischen Gut und Böse unterscheiden und die Last der Konsequenzen tragen. Sie kann Empathie simulieren, versteht aber nicht, was sie damit bewirkt.
Wer bezahlt den Preis dafür?
Die Enzyklika nennt die stille Arbeit von Millionen Menschen bei Datenbeschriftung, Moderation und Modelltraining, zumeist junge Frauen für einen Mindestlohn. Die kongolesische Theologin Léocadie Lushombo, eine der Rednerinnen bei der Vorstellung im Vatikan, spricht von einer drohenden neuen Kolonialisierung.
Was sagt die Technik dazu?
Nach Angaben des IT-Fachmanns nutzen bereits 53 Prozent der Bevölkerung KI, für das kommende Jahr wird eine Billion Euro Investition erwartet, und Hardware kostet heute das Drei- bis Vierfache von vor zwei Jahren. Seine Kernaussage: Die KI ist nicht neutral, denn sie gibt wieder, was in den Daten steckt.
Wem gehören die Daten, die ich hergebe?
Einzelne Informationen verraten wenig, gefährlich wird die Kombination, aus der sich Profile erstellen lassen. Das gilt für ein Spiegelfoto ebenso wie für kostenlose E-Mail-Dienste, die sich über die Nutzungsdaten finanzieren.
Warum kam der Abend bei den Schockanrufen heraus?
Weil eine Teilnehmerin fragte, was ein Normalbürger zum eigenen Schutz tun kann. Starnberg und Fürstenfeldbruck gelten laut den Polizeimeldungen als Schwerpunkte, es geht um Beträge von 20.000 bis 100.000 Euro. Zwei Betroffene berichteten im Saal.
Was hilft am Telefon?
Konkret zurückfragen, prüfen, ob die Antwort stimmig und menschlich klingt, und bei der kleinsten Unstimmigkeit auflegen. Danach sofort die betreffende Person selbst anrufen. Misstrauisch sein darf man, ohne in Angst zu verfallen.
Reichen die Regeln?
Nach Einschätzung der Runde nicht. Die Kennzeichnungspflicht gilt als zu schwach, und europäische Richtlinien müssen von den Länderparlamenten erst umgesetzt werden. Beim Datenschutz sieht der IT-Fachmann Deutschland dagegen in einer Vorreiterrolle.
Was bleibt von diesem Abend?
Fast jeder nutzt diese Werkzeuge, fast niemand sagt es gerne – dasselbe Bild zeigte eine Woche später eine Studie auf den MEDIENTAGEN, bei der kein einziges befragte Medienhaus angab, gar keine KI zu nutzen. Und: Der Mensch entscheidet über die einzelne Tat, die Technik über die Häufigkeit.

